Vorlesung "Bullshit-Resistenz" (2023, UDK Berlin) 1. "Einführung: Lügner, Bullshitter und Trottel"
SourceHerzlich willkommen zur Vorlesung „Bullshit-Resistenz: Einführung ins kritische Denken“ an der Universität der Künste Berlin. Heute möchte ich ein bisschen darüber erzählen, worum es in der Vorlesung geht. Es geht heute um Lügner, Bullshitter und Trottel. Ich möchte auch ein wenig darüber berichten, was man in dieser Veranstaltung erwarten kann. Eine kleine Sache vorweg.
Ich habe in den vergangenen Veranstaltungen immer alle geduzt und mich auch duzen lassen. Wenn das für euch in Ordnung ist, würde ich euch duzen; ihr könnt mich auch gerne duzen. Wer das nicht möchte, kann mir ein Zeichen geben, dann werde ich zum „Sie“ wechseln. Ja, heute Vorlesung 1: Es geht um Lügner, Bullshitter und Trottel. Ich fange mal an mit ein paar Geschichten, damit man einen Eindruck bekommt, worum es eigentlich in der Vorlesung geht.
Und die erste Geschichte, das sind alles Dinge, die sich tatsächlich zugetragen haben, die in den Medien berichtet wurden. Vielleicht habt ihr einige davon mitbekommen. Ein paar Sachen waren so vor sechs Jahren, fünf Jahren, einige sind auch ein bisschen aktueller. Einmal gab es den Fall Lisa F. Das war vor etwa fünf Jahren, fünf, sechs Jahren. Es ist Folgendes passiert: etwas länger her, sieben Jahre sehe ich gerade, also 2016 war das. Eine Geschichte, die ausgedacht ist.
Durch die Medien gegangen ist die 13-jährige Lisa F. Sie lebt in Berlin-Marzahn. Sie kommt 2016 nach der Schule nicht nach Hause. Ich habe ein Buch zur Bullshit-Resistenz geschrieben, da steht das nochmal detailliert drin, die Geschichte, auch die Quellen. Ihre deutsch-russischen Eltern verständigen dann die Polizei, weil die Tochter nicht nach Hause gekommen ist.
Am nächsten Tag kommt sie nach Hause und erzählt, dass sie nicht da war, weil sie von Südländern vergewaltigt worden ist. Dann verbreitet sich diese Nachricht relativ schnell, vor allem in den russischsprachigen sozialen Medien. Lisa F. und ihre Eltern waren natürlich dann auch bei der Polizei, wo sich bald herausstellt, dass sie gelogen hat. Sie hatte Probleme in der Schule, hat bei Bekannten übernachtet, es ist überhaupt nichts vorgefallen, es gab keine Straftat oder dergleichen, nichts, was irgendwie relevant war. Sie hat sich das einfach in der Not ausgedacht. Die Polizei gibt dann eine Stellungnahme ab und sagt, dass das eine erfundene Geschichte war, aber die Geschichte verbreitet sich trotzdem weiter.
Russischer Staatssender sagt, dass die deutschen Behörden das nur vertuschen wollen, dass das gar nicht stimmt, dass das sich nicht zugetragen hat. Es kommt zu einer Demonstration, vielleicht hat das jemand mitbekommen. Etwa 700 Menschen haben vor dem Kanzleramt dann für Lisa F. demonstriert. Und in Berlin haben einige Russlanddeutsche ein Flüchtlingsheim demoliert und dabei auch den Wachmann, der vor der Eingangstür stand, verletzt. Noch zwei Wochen später, bei einem Treffen zwischen Sergej Lawrow und Frank-Walter Steinmeier, dem damaligen Bundespräsidenten, wirft Lawrow den deutschen Behörden vor, sie würden die Wirklichkeit politisch korrekt übermalen. Die deutschen Medien und die offiziellen Stellen, Polizei und Regierung, würden lügen. Worauf der Außenminister damals, Frank-Walter Steinmeier, Lathorff scharf kritisiert hat.
Also, hier ist eine Geschichte, in der aus einer kleinen Lüge im Familienkreis ein internationaler Konflikt entstanden ist. Das ist die erste Geschichte. Es gab einmal eine Familie, die ein kleines Geheimnis hatte. Ein Verwandter behauptete, dass er eine geheime Verbindung zu einem berühmten Politiker habe. Diese kleine Lüge verbreitete sich schnell im Familienkreis und als sie schließlich nach außen drang, wurde sie von verschiedenen Medien aufgegriffen. Die vermeintliche Verbindung erregte das Interesse der Öffentlichkeit und führte zu einem großen internationalen Skandal, der die Beziehungen zwischen den Ländern belastete. Die zweite Geschichte handelt von Pizzagate. Jemand stieß zufällig auf Informationen über Pizzagate und begann, diese in sozialen Medien zu teilen. Die falschen Informationen verbreiteten sich rasant und führten zu einem großen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Menschen begannen, sich in die Diskussion einzumischen und es entstanden verschiedene Verschwörungstheorien, die die Gesellschaft spalteten. Das sind nur einige Geschichten, die zeigen, wie schnell und unkontrollierbar Informationen sich verbreiten können, und wie aus Kleinigkeiten große Probleme entstehen können.
Zeit auch 2016, auch eine sehr dramatische Geschichte. Ein gewisser Edgar Madison Welch ist von North Carolina, wo er herkommt, nach Washington D.C. gefahren, hat ein Sturmgewehr dabei gehabt, ist in die Pizzeria Comet Ping Pong eingedrungen und hat Schüsse abgefeuert. Zum Glück wurde niemand verletzt, er wurde dann verhaftet. Und warum hat er das gemacht? Weil er im Internet gelesen hat, dass es dort einen Kinderpornografiering gibt, dem unter anderem auch Hillary Clinton angehört. Das war eine Art, ja, das war eine Verschwörungstheorie, die sich unter dem Hashtag Pizzagate verbreitet hat. Die Idee, dass es Kinderpornografiering gibt in irgendwelchen Kellern, gibt es in ziemlich vielen Varianten.
Das war jetzt an sich nicht neu, aber neu war diese These, dass Hillary Clinton direkt involviert ist. Er wurde zu einer sehr hohen Gefängnisstrafe ein paar Jahre später verurteilt. Noch ein Beispiel: Da geht es um Atomkrieg. Auch 2016 hat der pakistanische Verteidigungsminister Asif auf einer Webseite gelesen, dass der Verteidigungsminister von Israel gesagt hätte, falls Pakistan unter irgendeinem Vorwand Truppen nach Syrien schickt – damals war der Bürgerkrieg in Syrien – werden wir dieses Land mit einem Atomangriff zerstören. Ziemlich krasse Aussage.
Man muss dazu sagen, dass Israel bis heute keine offizielle Atommacht ist. Experten sagen, dass sie sehr wahrscheinlich Atomwaffen haben, aber sie sind keine offizielle Atommacht. Es wäre also ein Novum gewesen, selbst wenn ein Verteidigungsminister gesagt hätte, dass Israel eine Atommacht ist und Atomwaffen hat. Asif hat das dann gelesen und getwittert, dass Israel vergisst, dass Pakistan auch eine Atommacht ist. Der Verteidigungsminister einer Atommacht liest also etwas auf Twitter, tweetet etwas zurück und droht eigentlich mit einem Atomschlag.
Stellt sich heraus, das war eine erfundene Webseite. Der Verteidigungsminister hat das nie gesagt, hat irgendjemand erfunden, aber der Verteidigungsminister von Pakistan hat das für bare Münze genommen. Noch ein Beispiel: Das sind Fälle aus Indien. In Indien gab es ab etwa 2017, vor allem in ländlichen Gebieten, ein Phänomen, bei dem sich über WhatsApp falsche Videos und Gerüchte verbreiteten, dass Kinder Kindesentführer in der Region seien. Und das hat dazu geführt, dass in bestimmten Regionen Leute sehr missbraucht wurden.
Traurig war es, wenn da Leute vorbeikamen, die sie nicht kannten. Es ist so krass geworden, dass in mindestens 13 bisher berichteten Fällen insgesamt 24 Menschen zu Tode geprügelt wurden, weil sie für diese Kindesentführer gehalten wurden. Bei all diesen Fällen hat sich später herausgestellt, dass es entweder Wanderarbeiter waren, die von Stadt zu Stadt oder von Dorf zu Dorf zogen und deshalb in der Gegend nicht bekannt waren, oder sogar Besucher von Familientreffen, die in dem Dorf dann auch noch niemand kannte – also die sozusagen Fremde waren und nicht erkannt wurden. Tatsächlich waren auch Kinder und Großeltern unter den Opfern.
Also, das ist ziemlich krass. Der Großteil der Täter waren Männer, aber auch bei einigen dieser Aktionen haben Frauen und Kinder auf der Täterseite teilgenommen. Es ist eine ziemlich dramatische Geschichte, und eine, die jetzt noch ein bisschen heiterer ist, nicht ganz so schlimm, aber nach einem ähnlichen Muster funktioniert. Die iranische Nachrichtenagentur Fars hat 2012 von einer US-Umfrage berichtet. Laut dieser Umfrage wurden US-Amerikaner aus ländlichen Gebieten gefragt, die tendenziell eher Republikaner wählen: Wenn sie die Wahl hätten zwischen Ahmadinejad, dem damaligen iranischen Präsidenten, und Barack Obama, wen würden sie wählen?
Und laut dieser Webseite würden die ländlichen Amerikaner lieber Ahmadinejad als US-Präsidenten haben als Barack Obama. Die zweite Frage war: Wenn ihr jetzt zu einem Baseballspiel geht, mit wem würdet ihr lieber das nächste Baseballspiel anschauen – mit Barack Obama oder mit Ahmadinejad? Laut dieser Seite würden 77 % der Republikaner lieber mit Ahmadinejad Baseball schauen als mit dem damaligen Präsidenten und dem Parteichef sozusagen der Gegenseite. Und woher kam das? Das kam von der Satire-Webseite Vianjen.
Das ist so ein bisschen ähnlich wie, was gibt es noch im Deutschen, so wie "Vianien". Das ist so ein bisschen so ähnlich wie: Was gibt es noch im Deutschen? Ja, jetzt die Titanic, genau. Das ist so eine satirische Seite wie die Titanic, Babylon Bee. Es gibt so ein paar von diesen satirischen Webseiten, die das englische Äquivalent davon annehmen.
Das haben die als Witz gepostet, aber irgendjemand von der iranischen Agentur hat das offenbar nicht verstanden, dass das nur ein Witz war. Er hat das für wahr genommen und fand das dann vielleicht auch ganz positiv für den eigenen Präsidenten. Und wenn man sich jetzt so diese ganzen Fälle anschaut, dann glaube ich, merkt man, die haben ein paar Gemeinsamkeiten. Man sieht da, glaube ich, ganz gut, wie Informationen in der digitalen Welt verarbeitet werden und auch welche, sagen wir mal, psychologischen Mechanismen dahinterstehen, warum wir vielleicht die einen Sachen glauben oder die anderen Sachen nicht glauben. Und die erste Beobachtung ist natürlich, das waren jetzt Fake News, Gerüchte und Verschwörungstheorien.
Darüber reden wir jetzt. Auch noch in der gesamten Vorlesung ausführlich. Die sind manchmal lustig, wie diese, oder zum Schmunzeln, wie diese Farce-andien-Geschichte, aber inzwischen können sie auch ziemlich krasse, handfeste, fatale Folgen haben. Die Geschichten da in Indien, da sind Menschen durch Fehlinformationen gestorben, die nicht hätten sterben müssen. Oder die Krise zwischen Russland und Deutschland basierte auf einer Lüge im Alltag, die aber gar keine Entsprechung in der wirklichen Welt hatte. Man kann manchmal darüber schmunzeln, aber es ist auch nicht so ganz irrelevant, was da passiert. Das Zweite ist, dass auch gebildete Nachrichtennutzer sich irren können.
Also auf den ersten Blick kann man sagen, Bildung: Normalerweise sind Journalisten und Politiker überdurchschnittlich gebildet, meistens akademisch gebildet, also gehören sie dazu. Sie haben hohe Bildungsabschlüsse, aber sie sind offenbar auch nicht gefeit, selbst obwohl sie ständig mit Nachrichten von Tag zu Tag zu tun haben – sowohl bei Journalisten als auch bei Politikern. Ab und zu verwende ich die abwechselnden Formen; ich bin ja nicht ganz systematisch, also benutze ich manchmal die weibliche, manchmal die männliche Form, manchmal die generische Form. Das mache ich aus stilistischen Gründen. Auch auf den Folien steht immer für alle Identitäten – biologische und soziale Identitäten.
Dritte Beobachtung ist, wenn man sich fragt, was sich eigentlich verbreitet, also welche Geschichten so eine Energie kriegen, dass viele Leute sie verbreiten und viele darüber sprechen. Im weitesten Sinne kann man sagen, dass Fake News, Gerüchte und Verschwörungstheorien etwas mit Moral zu tun haben. Moral ist in einer sehr weiten Fassung von Moral zu verstehen, also es hat irgendetwas mit Werten und Normen zu tun. Was wir gut und schlecht finden oder richtig und falsch finden. Was man tun soll, was verboten ist, was gefährlich ist. Also in diesem Bereich, dem normativen Bereich, sagt man, der Philosophie, wo es mit Bewertungen zu tun hat, mit moralischen Werten, kann man auch sagen.
Also, es geht um Vergewaltigung, Pädophilie, Kindesentführung, Macht- und Territorialkämpfe, Konflikte zwischen Gegnern, Migration und irgendwelche Bedrohungen durch gefährliche Dinge. All das hat mit zentralen moralischen Fragen zu tun. Wir wollen Menschen vor Gewalt und Schaden schützen, besonders Kinder natürlich. Aber es geht auch teilweise darum, wer das Sagen hat, wer Macht hat und wo Grenzen gezogen werden. Das sind typische Themen, die es viel wahrscheinlicher machen, dass solche Informationen auch weiterverbreitet werden.
Selbst wenn sie auf den zweiten Blick, wenn man einmal darüber nachdenkt, eigentlich klar ist, dass dies sehr unwahrscheinlich ist, dass das wahr ist. Die Beobachtung, dass auch kleine Nachrichten große Wirkungen haben. Vor 30 Jahren hätte eine Lüge im Familienkreis gar nicht die Chance gehabt, in die Weltöffentlichkeit zu gelangen. Wenn Lisa F. die Lügengeschichte erzählt hätte, wäre sie irgendwann entweder aufgedeckt worden oder nicht. Aber es hätte niemals eine Relevanz gehabt, dass zwei große Länder in einen Konflikt geraten und sich die Außenminister darüber unterhalten.
Geschichte im Familienkreis auf die Bühne der Weltpolitik. Diplomatische Krise. Und ein Grund dafür – wir werden da noch ausführlicher darauf eingehen, noch ausführlicher darüber sprechen – ist, dass es so etwas gibt wie einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, so kann man das nennen. Durch die digitalen Medien ist es so, dass die Öffentlichkeit nicht mehr von wenigen Leuten bespielt wird, die Medienkanäle haben. Vor 20, 30 Jahren, wenn man seine Meinung in die Öffentlichkeit geben wollte, musste man für ein Radio arbeiten, eine Fernsehstation oder eine Zeitung besitzen.
Aber es war sehr schwer, wenn man keinen Zugang zu diesen Medien hatte, seine Meinung weit zu verbreiten. Flugbretter drucken oder Kettenbriefe schreiben, das hatte alles nicht so richtig einen Effekt. Heute ist potenziell jeder, der in den digitalen Medien ist, nicht nur Empfänger oder Empfängerin von Informationen, sondern auch Sender oder Senderin. Und das verändert natürlich ein bisschen die Dynamik, da auf der einen Seite so eine Demokratisierung stattfindet: jeder kann mitreden. Aber natürlich kann sich dann auch etwas, das vielleicht irrelevant, privat oder klein ist, stark verbreiten. Deshalb glaube ich, kann man, wenn man sich das mal so anschaut, zu diesem Themenfeld – und das will ich jetzt auch in der Vorlesung machen – so zwei Fragen stellen, wie man mit diesen ganzen neuen Phänomenen umgeht.
Man kann sich einmal philosophische Fragen stellen. Das sind diese großen Was-ist-Fragen. Also offenbar geht es darum, was wahr oder falsch ist. Also kann man sich fragen: Was ist eigentlich Wahrheit? Was ist eine Lüge?
Was ist Bullshit? Darüber rede ich gleich nachher noch ein bisschen. Was ist Täuschung? Was ist Wissen? Diese zentralen philosophischen Begriffe tauchen sofort auf, wenn man sich mit solchen Dingen beschäftigt. Man kann sich natürlich auch fragen, und das wird in den letzten Jahren vor allem durch die vielen Phänomene in den empirischen Wissenschaften gemacht, also den Wissenschaften, die die empirische Welt untersuchen, wie Psychologie, Soziologie, Medientheorie, Kulturwissenschaft und allen anderen. Man kann sich auch empirische Fragen darüber stellen, warum wir zum Beispiel so anfällig für bestimmte Täuschungen sind, wie sich Fake News eigentlich verbreiten, nach welchen Mechanismen dies geschieht und was dahintersteckt. Warum oder wann lügen Menschen? Wer glaubt an Verschwörungstheorien? Nicht jeder ist so anfällig für Verschwörungstheorien; es gibt eine Art Verschwörungsmentalität, sodass man sich auch diese Fragen stellen kann. Das ist ein bisschen die Idee, erstmal in der Vorlesung philosophische Fragen zu stellen, diese ganzen Was-Fragen: Was sind eigentlich Fake News zum Beispiel? Kann man die genau definieren? Was meine ich damit eigentlich? Wie funktioniert Wissenschaft? Erhalten wir überhaupt Wissen? Und dann auch die empirischen Fragen zu stellen: Was sind die besten Studien, die besten Experimente und Daten, die wir haben, die uns verraten, warum zum Beispiel bestimmte Menschen eher anfällig sind für Verschwörungstheorien und welche Eigenschaften Fake News haben müssen, damit sie sich gut verbreiten. Ich werde an dieser Stelle eine kurze Pause machen, vielleicht für Zwischenfragen, und dann mache ich mit dem nächsten Teil weiter.
Gibt es Fragen? Wenn ich zu viel rede oder einfach nicht aufhöre, hebt einfach die Hand oder hüpft dazwischen. Ich merke das dann relativ schnell. Gut, die Vorlesung heißt ja Bullshit-Resistenz, also müssen wir fragen, was ist eigentlich Bullshit? Ich glaube, es gibt so eine Art weite Definition von Bullshit, die ich jetzt auch gerne für diese Vorlesung verwenden würde.
Für mich ist Bullshit Unfug aller Art. Das ist der Oberbegriff für Dinge, die entweder inhaltlich oder aus der Form heraus irgendwie einen Defekt haben. Dazu zählen Fake News, Verschwörungstheorien, aber auch Lügen. Pseudowissenschaftler machen dazu oft eine ganze Sitzung, ebenso wie Dinge, die man vielleicht Geschwätz und Geschwurbel nennen kann. Also Dinge, die inhaltsleer sind oder die man mit sehr großen Worten äußert, obwohl eigentlich nicht viel Substanzielles dahintersteckt. Das ist so der Oberbegriff.
Und über all diese Dinge möchte ich in der Vorlesung sprechen. Und ich könnte sagen, im Alltag ist alles, was falsch, gelogen ist. Irreführend, unverständlich, einfach so dahergesagt, dazu sagen wir manchmal sowas wie „Bullshit“. Das kann manchmal heißen, das stimmt nicht, kann manchmal heißen, das ist gelogen, kann manchmal heißen, wie so, ist so dahergesagt. Also das verwenden wir, glaube ich, auch. Der Alltagsbegriff ist relativ weit verbreitet. Es ist natürlich ein englisches Fachwort, ein englisches Lehnwort, aber es hat sich relativ stark im Deutschen lexikalisiert.
Man hört das relativ häufig auch in der deutschen Alltagssprache. Jetzt ist "Bullshit" interessanterweise aber auch ein Fachwort in der Philosophie. Deshalb gibt es noch eine zweite Lesart, die ebenfalls relevant für die Vorlesung ist, und die kommt von Harry Frankfurt. Das ist ein amerikanischer Philosoph, der in Princeton gelehrt hat und in den 80er Jahren einmal einen Aufsatz geschrieben hat, der heißt "On Bullshit". Und das Lustige an dem Aufsatz ist, dass den keiner richtig beachtet hat. In Fachkreisen wusste man, dass er darüber geschrieben hat, und es war interessant, ich sage gleich noch, was da drin steht. Dann hat irgendein Buchlektor oder ein Verlagsmensch gedacht: "Da ist ein berühmter Philosoph von der Universität Princeton, der schreibt ein Buch, wo 'Bullshit', also 'Bullenscheiße', draufsteht. Das ist ja Wahnsinn, das können wir gut verkaufen!" Er hat den Aufsatz dann als Buch nochmal abgedruckt, mit so lesefreundlichen Großbuchstaben. Das waren eigentlich nur 15 Seiten Text.
Ganz, ganz große Lücken zwischen Inverter, damit das so ein ganz kleines Buch wird, hat einen goldenen Einwand bekommen und hat sich über eine Million Mal verkauft. Der Aufsatz, den 20 Jahre davor niemand wahrgenommen hat. Aber der Aufsatz ist trotzdem, also, ist trotzdem, ist auch ein wirklich sehr guter Aufsatz, denn Frankfurt macht die Beobachtung, dass er sagt, naja, wir kennen im Alltag die Leute, die aufrichtig sind, die etwas sagen und es auch so meinen. Wir kennen natürlich alle Lügner, wir haben selber vielleicht schon mal gelogen, wir wissen auch, was es heißt, etwas zu sagen, von dem wir glauben, dass es falsch ist. Und dann sagt er, aber es gibt da noch etwas in der Mitte.
Jemand, der einfach so etwas sagt, aber es ihm eigentlich egal ist, ob es wahr oder falsch ist. Er ist weder aufrichtig noch ein Lügner, sondern so ein bisschen, ich sage das jetzt einfach mal so, weil ich es kann. Und Frankfurt sagt, das war noch ein bisschen vor der Digitalisierung, im Prä-Digitalium könnte man sagen, im Erdzeitalter, also vor der digitalen Zeit, in den 80ern. Aber er hat gesagt, naja, das ist eigentlich ein Phänomen unserer Kultur, weil wir ständig gefragt werden. Zu irgendwelchen Dingen müssen wir unsere Meinung sagen, wir kennen uns oft nicht aus, wir haben keine Ahnung. Ich muss etwas zum Klimawandel sagen, dann zu den Wärmepumpen und plötzlich auch zu einem neuen Gesetzesentwurf oder wie man mit einem Skandal umgehen soll. Oft haben wir gar nicht alle Informationen, wir können uns eigentlich kein gründliches Urteil erlauben, aber wir müssen irgendwie mitreden, weil die anderen jetzt gerade darüber reden. Und wir ertappen uns selber dabei, dass wir dann einfach so tun, als würden wir uns gut auskennen, und wir reden einfach so mit. Deshalb kann man das auch als eine Art Kulturkritik deuten.
So ist es dann auch später gelesen worden, dass Harry Frankfurt sagt: Naja, wir werden eigentlich so ein bisschen in der modernen Kultur zum Bullshitten gebracht. Wir sagen ständig unsere Meinung zu Dingen, worüber wir uns gar nicht so gut auskennen. Also wir behaupten etwas, aber die Wahrheit ist uns vielleicht nicht ganz egal, aber wir können eigentlich nicht so richtig sagen, dass das, was wir sagen, wirklich wahr ist. Und ich will noch eine Unterscheidung machen, die vielleicht ganz hilfreich ist, um das zu verstehen. Man kann einmal sagen, Bullshit ist das, was am Ende rauskommt, oder die Tätigkeit.
Deshalb kann man, wenn man es ganz spitzfindig betrachtet, sagen, es gibt Bullshit; das ist das Endprodukt von etwas, was man sagt. Oder die Tätigkeit dieser Verbaldiarrhöe könnte man sagen, das nenne ich das Bullshitten. Und das ist eine wichtige Unterscheidung, die man in der Philosophie macht. Man kann entweder sagen, was schaue ich mir jetzt an: sage ich, der Inhalt des Satzes ist falsch, irreführend oder Quatsch, oder sage ich, die Tätigkeit, die du da gerade machst, ist die Tätigkeit des Bullshittens. Und das ist deshalb interessant, weil das nicht unbedingt dasselbe sein muss.
Es könnte jemand sagen, es gibt seine Meinung zu einem Thema ab, zu einem Kriegseinsatz mitzutragen. In der Ukraine, und der ist ein Bullshitter, weil er gar keine Ahnung hat. Der redet einfach so mit, sagt aber trotzdem etwas Wahres. Dann würden wir vielleicht so etwas sagen wie: Ja, was er gesagt hat, ist zwar wahr, aber er war trotzdem ein Bullshitter, weil die Handlung des Redens irgendwie nicht besonders gut begründet war. Man kann sich das vielleicht so klar machen. Ich habe hier nochmal ein Beispiel. Es gibt so etwas wie den Inhalt eines Satzes, wie „Die Tür ist offen“, das hatten wir vorhin.
Wird manchmal so dargestellt: Man sagt etwas über die Tür und dass sie offen ist. Das ist der Inhalt, aber ich kann damit auch etwas tun. Das hat auch eine kommunikative Funktion. Mit dem Satz „Die Tür ist offen“ könnte ich zum Beispiel eine Behauptung aufstellen: Die Tür ist offen. Wäre in dem Fall jetzt falsch. Ich könnte aber auch, wenn ich es anders betone, eine Frage daraus machen: „Die Tür ist offen?“.
So, als Frage, im Sinne von: Ist die Tür offen? Ich könnte aber auch jemanden einfach hineinlassen, jemand klopfen und ich sage: Die Tür ist offen, im Sinne von: Komm herein. Also derselbe Satz. Der gleiche Inhalt kann Teil verschiedener Sprachhandlungen sein: Frage, Behauptung und Aufforderung.
Und je nachdem könnten wir sagen, manchmal meinen wir, dass der Inhalt Bullshit ist, der Inhalt, dass die Tür offen ist, oder die Tätigkeit des Behauptens Bullshit ist. Und wenn man es als Sprachhandlung sieht, ich glaube auch, dass Harry Frankfurt das eigentlich so gemeint hat, obwohl er immer mehr so gut ist, ein bisschen changiert zwischen beiden Lesarten, aber ich glaube, er meinte eigentlich die Tätigkeit, die Sprachhandlung oder Sprechakt, sagt man manchmal, des Behauptens, wo diese Aufrichtigkeit fehlt. Ich tue so, als ob das eine aufrichtige Behauptung ist, was ich sage, aber ich habe eigentlich gar keine Ahnung. Das ist eigentlich, was Bullshitten als Tätigkeit ausmacht. Einfach sowas sagen, ohne dass man tatsächlich gute Gründe hat, dafür, dass man das einfach so behauptet.
Und dann kommt natürlich oft etwas Falsches heraus, wenn ich einfach nur sowas sage. Dann ist es immer schwerer, die Wahrheit zu treffen. Deshalb sage ich öfter etwas Falsches, wenn ich einfach so daherrede. Aber es könnte auch sein, dass ich mal aus Versehen etwas Wahres sage, wenn ich einfach so vor mich hin rede. Und im Alltag, das ist noch eine kleine Nebenbemerkung, können sowohl eine Bullshiterei als auch eine Lüge manchmal wahr sein. Wir reden gleich nochmal über Lügner und Bullshitter, aber es könnte sein, dass ich bullshitte oder lüge und trotzdem etwas Wahres sage. Wir sagen dann zwar nicht, dass es Bullshit ist, aber es wäre sozusagen ein Grenzbereich. Ja, also die Frage ist: Könnte ich jemanden einen Bullshitter nennen, wenn er selbst daran glaubt?
Was er sagt, auch wenn es einfach Quatsch ist. Und das wäre nach der Definition dann natürlich nicht mehr so. Die Person wäre dann aufrichtig und würde sich einfach irren. Sie sind felsenfest davon überzeugt, das habe ich doch so gelesen, dass die Welt von Echsenmenschen beherrscht wird. Wir würden dann auch sagen, dass es diese andere Leser hat.
Da sagen wir sowas wie: Das ist Bullshit im Sinne von, das ist falsch. Aber sie wäre nach dieser Definition von Frankfurt kein Bullshitter, weil sie das aufrichtig glaubt. Sie glaubt aufrichtig, dass es so ist, und ich habe dafür die guten Hinweise. Wenn die Person aber nur, weil alle in dem Raum das so sagen, dann so mitredet und sagt: "Ja, habe ich auch mal gehört," aber es stimmt gar nicht, nur um ein bisschen dabei zu sein, dann würde es eher unter diese Definition von Bullshitter fallen. Deshalb glaube ich, man kann es besser klassifizieren, wenn man sich die drei Typen anguckt: Lügner, Bullshitter und es gibt noch einen dritten Typ, das mache ich gleich.
Was unterscheidet die Menschen in ihren Handlungen? Es ist jedoch richtig, dass wir im Alltag solche Dinge sagen wie: Das ist Quatsch oder das ist falsch. Man könnte auch sagen, das ist Bullshit, im Sinne von: Es ist einfach nur falsch. Okay, es gibt drei Typen, die man kennen sollte. Ich glaube, es gibt drei Typen, die im Netz unterwegs sind und dazu beitragen, dass es Fake News und Verschwörungstheorien, vor allem in digitalen Medien, gibt.
Und die Typen würde ich den Lügner, den Bullshitter und den Trottel nennen. Das rollt nochmal das auf, was Frankfurt sagt, aber aus einer etwas anderen Perspektive. Achso, ich habe schon ein bisschen was über Lügner gesagt. Wie könnte man, wenn es eine Frage an das Publikum ist, einen Lügner definieren oder was könnte auch etwas anderes sein? Was ist eine Lüge?
Wie würde man das definieren? Also so nach dem Motto: Jemand lügt immer, wenn eine Person lügt, wenn sie ... Jetzt müsste irgendetwas kommen wie eine Definition. Ein Lügner ist eine Person, die ... Ein Lügner oder eine Lügnerin ist eine Person, die bewusst das Falsche sagt. Jetzt kann man mal schauen: Wenn ich eine Definition abgeben kann, kann ich mir einen Fall denken, der das erfüllt, wo ich aber nicht sagen würde, dass das ein Lügner ist.
Also könnte ich mir einen Fall überlegen, wo ich sagen würde, dass jemand bewusst etwas Falsches sagt, aber ich würde nicht sagen, die Person lügt. Ja, zum Beispiel, genau. Ein Scherz. Ein Scherz wäre so ein Beispiel: Jemand sagt etwas, es ist klar, dass das wörtlich falsch ist, aber im Kontext wissen wir: Aha, es war nur ein Witz. Gibt es noch andere Beispiele, wo jemand etwas sagt, das absichtlich falsch ist, aber wir würden nicht sagen, dass es eine Lüge ist? Sie hätten sich doch gemerkt.
Das war so ähnlich, aber um sich oder andere zu schützen, ist es keine Lüge. Ja, also ein Vorschlag wäre, wenn man sich damit schützen will, ob etwas falsch ist und sich damit schützen möchte, ist es keine Lüge. Aber da könnte man vielleicht sagen, das ist eher eine Notlüge. Machen wir auch gleich noch verschiedene Arten von Lügen.
Also, je nachdem, was man damit betrifft, ist der Zweck entscheidend. Hattest du nicht? Notwehr, genau. Das wäre eine Notlüge.
Interessanterweise ist es auch nicht so absurd, das als Gegenbeispiel zur Lüge zu sehen, weil es vielleicht formal eine Lüge ist, aber viele Menschen sagen, das ist moralisch nicht verwerflich. Also, wenn jemand aus der Not heraus das Falsche absichtlich sagt, dann ist es eigentlich nicht so schlimm. Was hat das mit Täuschung oder so zu tun? Da gehen wir gleich noch drüber. Du hast dich noch, also dort steht ja jetzt die Person, die es ausführt.
Also in dem Fall eine Notlüge, da ist es so wie bei pathologischen Lügen. Ja, das ist ein bisschen terminologisches Handeln. Aber was muss noch dazukommen? Es reicht scheinbar nicht aus, absichtlich etwas Falsches zu sagen.
Also ein Beispiel sind vielleicht noch Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne. Sie sagen ständig Dinge, die vielleicht unwahr sind. Das tun sie auch absichtlich, aber auch da ist es so ähnlich wie ein Scherz. In diesem Kontext ist klar, dass es nicht ausreicht, es nur zu sagen. Irgendetwas muss noch zu der Lüge dazukommen. Dahin?
Nein, eigentlich da. Ich kann nicht so gut zeigen. Ja, du. Eine Absicht. Und welche Absicht muss dazukommen?
Eine opportunistische. Also eine, die dem einen zu gut kommt und dem anderen nicht. Eine Absicht. Und was für eine Absicht muss dazu kommen? Also der Vorschlag ist eine opportunistische Absicht oder vielleicht so eine, also eine moralisch verwerfliche Absicht, könnte man vielleicht noch allgemeiner sagen.
Ja, vielleicht kann man es noch einen ganz kleinen Tick genauer machen. Da hinten. Ja, es hat irgendetwas mit Täuschung zu tun. Was wäre es genau für eine Also, der Vorschlag ist Täuschung. Täuschung muss auch irgendwie noch reinkommen.
Das wäre ja sozusagen ein bisschen das, was du meinst. Das hat irgendetwas Opportunistisches, das hat irgendetwas mit Täuschung zu tun. Dann die Definition: Jemand lügt, wenn er oder sie, also eine Person lügt, wenn sie absichtlich etwas sagt, ja, absichtlich, ja, das geht auch in die Richtung, also wenn sie absichtlich eine Aussage trifft, die eine Situation manipulieren soll, sagst du. Man könnte sagen, wo jemand getäuscht werden soll, würde ich vielleicht sagen. Bei Täuschung. Da war noch ein Vorschlag.
Du nochmal. Ich habe es wieder vergessen. Ich glaube, den Gegenüber, also wissentlich, den Gegenüber zu täuschen und das Land festzuhalten, ohne es aufzuklären. Ja, das genau, also es hat irgendwas mit wissentlich, würde ich sagen. Wissentlich und absichtlich kann man wahrscheinlich austauschbar verwenden, obwohl es vielleicht auch minimale Unterschiede gibt. Ob es immer langfristig sein muss, ist die Frage.
Man kann ja punktuell auch einfach jemanden anlügen. Das ist auch zu lösen. Also bei einem Scherz oder einem Schauspieler weiß er, dass es entweder ein Scherzlöscher gibt, wenn man merkt, dass der Gegenüber es ernst nimmt. Also es ist kurzfristig. Und im Schauspieler ist es ja offensichtlich, dass es nicht so ist. Man könnte also sowas wie Langfristigkeit und Kurzfristigkeit reinbringen.
Ja, also man könnte so etwas wie Langfristigkeit und Kurzfristigkeit einbringen. Allerdings könnte ich auch jemanden punktuell kurzfristig anlügen und es trotzdem zehn Minuten später auflösen. Und dann wäre es zumindest für die zehn Minuten auch eine Lüge gewesen. Man könnte so etwas sagen wie: Typischerweise, wenn man lügt, bleibt man auch ein bisschen länger dabei, weil es irgendwie witzlos ist, jemanden für kurze Zeit anzulügen. Aber auch da könnte man an Situationen denken. Eigentlich haben wir schon alle Elemente, man muss sie nur mal in eine Definition zusammenbringen.
Ich frage mich, wenn man diesen Begriff „Lügner“ in die Definition einbezieht, ob man erstmal wissen oder eine Forschung darüber haben sollte, was jetzt objektiv Wahrheit bedeutet, weil die Lügner wissen sollten, was die Wahrheit ist. Wir werden noch eine ganze Sitzung darüber sprechen, was Wahrheit im philosophischen Sinne und im wissenschaftstheoretischen Sinne ist. Aber ich glaube, das ist auch noch ein fehlendes Element. Also, eine Standarddefinition wäre zu sagen, dass die Person absichtlich etwas behaupten muss und nicht nur sagen, sondern auch behaupten, also dahinter stehen, und nicht nur aufsagen, wie bei einem Scherz oder Schauspiel.
Das ist das Zweite, was du gesagt hast, mit wahr und falsch. Es muss irgendetwas sein, was die Person für nicht wahr, also selbst für falsch hält. Das fehlte noch, denn Lügen heißt, etwas zu sagen, von dem man selbst glaubt, dass es falsch ist, und das war das Dritte, was da hinten kam: absichtlich oder, wie wir es hier vorne gehört haben, wissentlich andere damit zu täuschen. Das waren so Varianten davon. Es scheinen also diese drei Elemente zu sein, wahrscheinlich reichen die noch nicht mal aus.
Es gibt dann so Sonderfälle, wo man sagen kann: Selbst wenn die drei erfüllt sind, gibt es vielleicht noch Fälle, wo ich mir denken kann, das ist dann doch keine Lüge. Aber so für die meisten typischen Fälle können wir das als erste Definition nehmen. Muss eine Lüge sein. Ich glaube, ich habe es verstanden; ich würde es ein ganz bisschen anders umformulieren, aber Lügen hängen davon ab, was man selber glaubt. Wenn ich es für wahr halte und dann das Gegenteil sage, dann hat man es nicht.
Ich kann natürlich manchmal durch Zufall oder so trotzdem richtig liegen. Also ich möchte jemanden anlügen und sage, weil ich ihn in Panik versetzen will: „Dein Auto ist abgeschleppt worden.“ Und ich halte das für falsch, aber ohne es zu wissen, ist in dem Moment gerade sein Auto abgeschleppt worden. Dann habe ich de facto etwas Wahres gesagt. Aber wir würden trotzdem sagen, es war eine Lüge.
Nicht, weil ich etwas Wahres sage, nicht, weil es nicht wahr ist, sondern weil ich dachte, dass es nicht wahr ist. Man macht es dann nicht daran fest, ob es tatsächlich so ist. Es gibt so ein bisschen Streit in der Philosophie; manche sagen: „Nee, Lügen hat so ein objektives Element, und wenn es tatsächlich dann nicht der Fall ist, dann war es auch keine Lüge.“ Aber ich glaube, der Alltagsbegriff ist eher so, dass wir sagen würden, es war trotzdem eine Lüge. Er hatte einfach nur so Glück im Unglück, sozusagen, dass am Ende doch etwas Wahres rausgekommen ist. Man kann sagen, in Bezug zur Wahrheit verhält er sich jubilarisch. Christlich gesprochen hat der Lügner oder die Lügnerin einen direkten Vorsatz. Dieser wird manchmal in der berühmten Frankfurter Formel in der Rechtsprechung als Wissen und Wollen der Tatbestandsverwirklichung definiert.
Also die stärkste Form der Absicht wird direkter Vorsatz genannt. Ein Lügner ist jemand, der weiß oder glaubt zu wissen, dass etwas falsch ist, und er will auch die andere Person täuschen. Das ist die stärkste Form. Und jetzt glaube ich, kann man auch ganz klar verstehen, was der Unterschied zum Bullshitter ist, wie ihn Frankfurt sich vorstellt. Der Bullshitter behauptet ebenfalls absichtlich etwas über X, aber er weiß dabei gar nicht, ob es wahr oder falsch ist. Er hat nicht die Absicht, andere über den Inhalt zu täuschen, sondern über seinen eigenen Wissensstand.
Er möchte als jemand wirken, der sich auskennt. Deshalb sagt er oder sie, voller Inbrunst, "Das ist so", aber eigentlich hat die Person gar keine Ahnung, sie weiß es eigentlich nicht. Also es ist eine andere Art, mit der Wahrheit umzugehen. Es geht eher darum, wie die Person sich präsentiert. Sie täuscht über sich, sie täuscht nicht über den Inhalt.
Der Lügner täuscht eher über den Inhalt. Und wenn man das fragt, warum ist das so? Ich habe schon gesagt, der Wahrheitsgehalt der Aussage ist der Person egal. Manchmal stimmt es vielleicht auch, dann wird die Person sagen: „Ja, umso besser. Ich habe gebullshittet.“
Die ganze Zeit kommt man raus, am Ende ist es wahr, umso besser für mich, aber der Person ist es ein bisschen egal. Man könnte sagen, sie nimmt die Unwahrheit billigend in Kauf. Der Lügner ist fest davon überzeugt, dass er die Unwahrheit sagt, und ganz selten sagt er auch mal etwas Wahres. Der Bullshitter dagegen nimmt die Unwahrheit billigend in Kauf. Und da gibt es auch eine Reihe. Also, Verzeihung, ich habe noch Beispiele.
Warum machen Kauf? Und da gibt es auch die Rechte. Also, Verzeihung, ich habe noch Beispiele, warum machen das Bullshitter? Ja, was ist die Motivation? Und da gibt es verschiedene Motivationen, so ähnlich wie beim Lügner. Wir haben ja gerade schon über verschiedene Arten von Lügen gesprochen.
Beim Bullshitten ist es auch ein bisschen so. Manche Leute wollen in einem guten Licht erscheinen. Das war Frankfurts Beispiel: Er hat gesagt, ich muss irgendwo mitreden. Es geht um E-Autos, ich habe überhaupt keine Ahnung, aber ich will da irgendwie gebildet wirken und rede einfach mal mit. Ich will in einem guten Licht erscheinen, das könnte eine Motivation sein.
Ich will vielleicht Aufmerksamkeit von Leuten bekommen, das könnte eine Motivation sein. Es geht auch darum, Geld zu verdienen, also in der ganzen Klatschpresse und einem Großteil des Clickbaitings. Manchmal besteht das aus Unsinn oder ist sehr nah dran am Unsinn. Es geht darum, dass Leute auf die Webseiten klicken sollen. Den Menschen geht es nicht um die Inhalte, sondern nur darum, damit Geld zu verdienen.
Es gab während des Wahlkampfs zwischen Hillary Clinton und Donald Trump ein paar mazedonische Schuljungen. Ich weiß nicht, ob ihr die Geschichte mitbekommen habt. Sie haben gemerkt, dass sie, wenn sie Webseiten erstellen, die so Fake News über Hillary Clinton verbreiten, dass das Leute häufig klicken. Die haben in einem Monat das Jahresgehalt eines durchschnittlichen Mazedoniers verdient, als Schuljungen. Sie waren so 16, 17 Jahre alt. Einige sind sogar aus der Schule gegangen, weil sie mehr verdient haben in einem Jahr als ihre Eltern in den letzten zehn Jahren. Und sie hatten keine politische Agenda.
Denen war egal, ob Trump oder Hillary Clinton am Ende den Wahlkampf gewinnt oder wer auch immer Präsident wird. Sie hatten auch keine Ahnung von US-Politik, aber sie haben gemerkt, dass Fake News pro Trump gegen Hillary Clinton die Klickzahlen einfach besser funktionieren. Für jeden Klick gibt es so und so viel Cent Werbeeinnahmen, und das hat sehr gut verdient; das hat sehr gut funktioniert. Das sind auch klassische Bullshitter. Die Wahrheit war ihnen egal. Sie wussten noch nicht einmal so richtig, um was es da geht.
Sie haben einfach nur gemerkt, was funktioniert. Eine andere Geschichte, tut mir leid, dass immer Trump vorkommt, aber es ist vielleicht kein Zufall, dass er häufiger erwähnt wird, wenn man über Unsinn redet. Trump hat selbst zugegeben, ein Bullshitter zu sein. Er hat einmal damit geprahlt bei einem Dinner und gesagt, er saß damit. Trudeau vor einer Woche, da ging es um Handelsdefizit, und Trudeau hätte gesagt, die USA hätten ein Handelsdefizit gegenüber Kanada, und dann hat Trump zu ihm einfach gesagt: „Nee, haben wir nicht.“
Und er prahlt dann vor diesem Publikum und sagt: „Ich hatte überhaupt keine Ahnung, ich habe es ihm einfach so gesagt, das einfach mal so behauptet.“ Das ist eigentlich lustigerweise genau die Definition von Bullshit. Er hat absichtlich etwas behauptet. Er wusste nicht, ob es wahr oder falsch war. Das war falsch, übrigens am Ende, Tudor hatte recht, aber er wollte seinen Gegenüber über seinen Wissensstand täuschen.
Er wollte so tun, als hätte er die Vollcheckung. Also verschiedene Motivationen, und wenn man es jetzt juristisch anguckt: Was ist der Unterschied zwischen dem Lügner und dem Bullshitter? Wenn ich das klar machen will, kann man sagen, das ist eigentlich auch ein Vorsatz, aber das nennt man in der Rechtsprechung einen indirekten Vorsatz. Und woran erkenne ich das? Der Typ, der den indirekten Vorsatz hat, der sagt: Na, wenn schon.
Also, wer absichtlich in der 30er-Zone 60 km/h fährt, um Kinder umzufahren, der hat einen direkten Vorsatz. Der möchte Kinder umfahren. Aber wer 60 in der 30er-Zone fährt und, wenn man ihn fragt, warum er 60 in der 30er-Zone fährt, sagt, dass das sehr gefährlich sei und ein Kind vor das Auto laufen könnte und er dann antwortet: „Na, wenn schon. Das ist halt so.“ – das nennt man indirekten Vorsatz.
Das ist ein Unterschied in der Stärke des Vorsatzes. Bei dem einen sagt man eher: "Ich will das so", und beim anderen sagt man: "Wenn es passiert, ist mir egal." Dann können sie sagen: "Der Bullshitter, dem ist egal, ob es wahr oder falsch ist." Und was ist, wenn jemand glaubt, die Wahrheit zu wissen, und etwas, wie man da schläft zum Beispiel, und wenn man daran zweifelt, dass das die Wahrheit ist, dann ist die Intention ja nicht, oder denkt ja nicht, weiß nicht, ob es wahr oder falsch ist: "Mir ist egal." Ja.
Das wäre ein dritter Typ, das ist eine super Frage. Ich wiederhole noch mal kurz die Frage: Was ist mit Leuten, die sich nicht so richtig informiert haben, aber ganz fest überzeugt sind, dass das stimmt, was sie sagen? Die nicht sagen: „Mir ist das egal, ob das stimmt“, sondern die das wirklich auch glauben. Sie glauben, sie haben richtige Informationen, aber am Ende kommt raus, sie waren gar nicht so informiert. Das ist deshalb eine gute Frage, weil es der dritte Typ ist, den nenne ich den Trottel. Was ist der Unterschied zu den anderen beiden? Der Trottel will sich eigentlich nicht gerne täuschen und möchte auch etwas Wahres sagen.
Aber denkt er: Naja, was ich da so gehört habe, wie du es gerade skizziert hast im Freundeskreis, das klingt irgendwie plausibel, das wird schon stimmen. Das kann ich jetzt mal anklicken, liken, teilen oder weitererzählen auf der nächsten Party. Aber er oder sie hat vielleicht die Quelle nicht geprüft oder keine Plausibilitätsprüfung gemacht und einfach so übernommen, was die anderen gesagt haben. Aber nicht in der Absicht, jemanden zu täuschen, und auch nicht im Sinne von: Ist mir egal, ob es stimmt, ich erzähle es einfach. Ich glaube, das ist ein sehr häufiger Fall.
Ich glaube, der fehlt auch noch in dieser Unterscheidung zwischen Lügner und Bullshitter von Frankfurt, weil dieser Typ die Person ist, die Fake News und Verschwörungstheorien und Unfug in die Welt verbreitet. Denn für jeden Lügner oder jeden Bullshitter muss es auch ein Publikum geben, das das glaubt, was ihm erzählt wird. Wenn wir jetzt alle super streng wissenschaftstheoretisch ausgebildete Typen wären und jede Information, die wir bekommen, immer überprüfen würden, dann wäre es ganz schwer, dass sich Fake News oder Verschwörungstheorien oder Unfug verbreiten. Nur wenn es hinreichend viele Trottel gibt oder wenn wir alle mal selber Trottel waren, weil wir gedacht haben, das klingt plausibel, schicke ich mal einem Freund, und dann stellt sich am Ende heraus, ach nee, war doch nicht so, kam irgendwo anders her. Also jeder hat sich da vielleicht schon mal ertappt, aber nur wenn man selbst sich manchmal so verhält, kann es überhaupt dazu führen, dass sich Unfug in der Welt verbreitet.
Und deshalb würde ich sagen, juristisch gesehen ist das Fahrlässigkeit. Es ist Fahrlässigkeit im Umgang mit der Wahrheit, weil die Leute nicht sagen: Also nochmal, 30er-Zone. Wer 60 in der 30er-Zone fährt und wer da angehalten wird, sagt: Oh, ich wollte natürlich niemanden umfahren, aber ich dachte mir so, da wird schon kein Kind zwischen den Autos vorbeilaufen. Wird schon gutgehen. Das ist eine andere Einstellung als die, die sagt: Ist mir egal, wenn es passiert.
Deshalb ist es schwer, juristisch zu unterscheiden. Es ist auch schwer herauszufinden, weil Leute ihre Absichten nicht genau beschreiben. Wenn man das jedoch unterscheidet, wird einem klar, dass das eine eine Form von Vorsatz ist – der Bullshitter – und das andere eher Leute sind, die hoffen, dass alles in Ordnung ist. Wer sich sozusagen etwas erzählen lässt und denkt, das klingt plausibel, erzählt das einfach weiter, ohne es zu überprüfen. Der sagt dann sowas wie: „Ja, wird schon stimmen.“ Dem ist das nicht egal; der Person ist das nicht egal, aber sie hofft einfach darauf, dass es stimmt. Diese Person würde ich als Trottel bezeichnen, um die Dreiteilung zwischen Lügner, Bullshitter und Trottel zu verdeutlichen. Gerade war noch eine Frage oder eine Meldung?
Ja, da hinten. Ich weiß nicht, was ich weiß, aber meine Frage wäre: Ist der Trottel ein Lügner, wenn er noch eine Frage stellt oder eine Aussage macht? Ja, da hinten. Also, man denkt ja, ich weiß nicht, zu dieser Aussage: Ich habe in einer friedlichen Studie gelesen, weil man dann irgendetwas hört und dann macht man sich Gedanken über die Quelle, weil man dann auch die Aussage macht. Ja, das ist eine sehr gute Frage und ein sehr raffinierter Fall.
Also, ich wiederhole es noch einmal ganz kurz: Was ist mit einer Person, die erst irgendetwas glaubt und dann nach der Definition als Trottel gelten würde, weil sie das nicht überprüft hat? Wenn sie im Gespräch, als sie konfrontiert wird und sagt: „Was ist das für ein Unfug, was du da sagst?“, behauptet, das habe ich jedoch bei Spiegel Online oder in einem wissenschaftlichen Paper gelesen. Dann würde ich sagen, das ist ein klassischer Fall von Lügen. Dann geht die Lüge ja auch nicht mehr um die ursprüngliche Aussage, die sich nicht verändert, sondern darum: Wo hast du denn das her? Man kann natürlich über den Inhalt lügen, aber auch über die Quelle oder den Ursprung dieser Informationen, die man hat. Und das machen wir. Wir werden auch noch darüber sprechen; das ist Teil eines Abschnitts, in dem es ein bisschen mehr um diese psychologischen Mechanismen geht. Aber Leute wollen immer ganz gern ihr Selbstbild vor anderen aufrechterhalten, aber auch sogar vor sich selbst.
Also, es gibt sozusagen Selbsttäuschung und Fremdtäuschung. Dazu sage ich gleich ein bisschen mehr. Deshalb gibt es auch eine Neigung, wenn man unter Druck gesetzt wird und möglicherweise seine Reputation oder sein Ansehen verlieren könnte, weil man ertappt wird, dass man irgendwie ein bisschen trottelig war, dass man dann noch etwas erfindet, um das zu stützen. Man sagt zum Beispiel so etwas wie: "Habe ich irgendwo gelesen." Ich mache noch ganz kurz einen Abschnitt, in dem es um die Frage geht, warum wir andere täuschen und was eigentlich hinter Lüge und Täuschung steckt. Wir haben ja zunächst herausgefunden, dass es diese verschiedenen Typen gibt, aber man kann sich auch fragen, was Menschen motiviert, sich selbst und andere zu täuschen, und warum wir es auch nicht so gut finden, getäuscht zu werden.
Also, was ist der Unterschied zwischen Täuschung und Lüge? Ich habe ein Beispiel, ich weiß nicht, ob ihr das kennt. Historisch: 2002 hat George Bush gesagt, dass der Irak Weapons of Mass Destruction hat, und ist dann später mit der Koalition der Willigen im Irak einmarschiert. Später stellte sich heraus, dass es keine Weapons of Mass Destruction, also Massenvernichtungswaffen, gab. Jetzt kann man sich fragen: Hat George W. Bush gelogen? Und auf den ersten Blick denkt man vielleicht so: Ja, klar hat er gelogen.
Das war ja falsch. Aber wenn man sich ein bisschen näher mit dem Fall beschäftigt, ist es ziemlich schwierig, das herauszufinden, denn die CIA hat unter anderem behauptet, es gäbe Beweise für Massenvernichtungswaffen. Wir wissen nicht: War der Präsident eingeweiht? War das nur ein Vorwand? Hat er einfach seinen Beratern geglaubt und das so wiedergegeben?
Also, es ist vielleicht so ein Grenzfall, wo wir nicht wissen: War er jetzt nur ein Trottel oder war er vielleicht auch nur ein Bullshit, weil er sagt, das könnte stimmen? Erreicht er das als Vorwand oder war er wirklich ein Lügner, weil er genau wusste, dass das nicht der Fall ist, dass es überhaupt keine Evidenz gibt, aber er brauchte einen Vorwand für den Krieg? Und das ist deshalb so schwierig, weil die Absichten von Menschen bei ihren Handlungen herauszubekommen, für uns immer über Umwege geht. Also kann ich entweder jemanden fragen: Welche Absicht hattest du, als du das gemacht hast? Dann muss er etwas antworten.
Aber wenn ich herausfinden will, ob er gelogen hat, kann er natürlich bei der Antwort wieder lügen. Es ist sehr schwer herauszufinden, was wirklich seine Absicht war. Und die andere Möglichkeit ist, direkt an den Handlungen das abzulesen. Also wenn jemand nach draußen geht, es regnet und die Person spannt den Regenschirm auf, dann gehen wir typischerweise davon aus: Aha, die Person macht das, weil sie die Absicht hat, nicht nass zu werden. Aber auch da können wir uns öfter mal irren.
Absichten, die man anhand der Handlung unterstellt, haben wir schon mal erlebt. Vielleicht gab es einen anderen Grund, warum die Person den Regenschirm aufgemacht hat. Deshalb ist es schwierig, Absichten herauszufinden. Wir kennen das von uns selbst; wir wissen unsere Absichten, wir wissen, wann wir vielleicht gelogen haben, oder manchmal ein Trottel oder ein Bullshitler waren. Doch bei anderen Menschen herauszufinden, was sie wirklich wollen, ist sehr schwer. Und Lüge, wie wir vorhin gehört haben, hat etwas mit Täuschung zu tun, aber Lüge und Täuschung sind nicht genau dasselbe. Man kann Menschen auf ziemlich viele Weisen täuschen.
Also, es könnte jemanden geben, sagen wir mal, der Gärtner war der Mörder. Der Gärtner will aber, dass die Kommissarin denkt, dass der Butler der Mörder war. Der Gärtner holt sich einen Zigarettenstummel vom Butler, der Zigaretten raucht, und legt den Zigarettenstummel am Tatort ab. Die Kommissarin geht zum Tatort, findet den Zigarettenstummel und glaubt, der Butler sei der Mörder. Jetzt könnte man sagen, der Gärtner hat die Kommissarin getäuscht, aber er hat nicht gelogen; er hat nichts ausgesagt. Er hat einfach nur irgendetwas mitbekommen.
Also, Täuschung funktioniert. Es ist etwas viel Allgemeineres. Täuschung bedeutet, jemanden dazu zu bringen, eine bestimmte Überzeugung zu haben, die falsch ist, aber das muss man nicht mit Worten machen. Man kann das indirekt tun. Und wenn man sich Lügen anschaut, sieht man, dass wir auch sagen, jemand lügt, wenn es alle durchschauen. Kinder lügen manchmal, und alle wissen, dass es gelogen ist.
Lügen müssen nicht erfolgreiche Täuschungen nach sich ziehen. Oft lügen wir und schaffen es damit, andere Menschen zu täuschen, aber man muss nicht erfolgreich sein. Man kann sagen, Täuschen ist ein Erfolgsverb, so sagt man das in der Linguistik. Also wenn ich sage, A hat B getäuscht, dann ist B auch getäuscht. Wenn ich aber sage, A hat B angelogen, heißt das nicht, dass B dann auch das glaubt, was A gesagt hat.
B könnte sagen: „Du lügst, du könntest einfach ertappt werden“. Das bedeutet eine Charakterisierung. Wenn wir sagen, Lügen ist der Versuch der Täuschung, sind wir manchmal erfolgreich damit und manchmal nicht. Wenn ich jedoch sage, jemand hat jemand anderen getäuscht, unterstelle ich, dass dies auch erfolgreich war. Ich kann nicht sagen, A hat B getäuscht, aber B ist nicht darauf hereingefallen. Das geht nicht.
Der Erfolg steckt im Wort täuschen. Wenn ich aber sage, A hat B angelogen, aber B hat halt A nicht geglaubt, das ist ein wunderbar semantisch konsistenter Satz. Fall, den wir kennen. Ja? Vielleicht ein Gegenbeispiel zu dem Dritten.
Ja. Du sagst es ja gleich: Lügen sind Täuschungsversuche mit Worten. Ja. Vielleicht gibt es etwas, das ein Täuschungsversuch mit Worten ist, aber nicht unter Lüge fällt. Ja.
Aber ich habe es nicht gesagt, das gilt in beide Richtungen. Ach stimmt, das Gleiche ist ein bisschen blöd. Jede Lüge ist ein Täuschungsversuch mit Worten, aber nicht jeder Täuschungsversuch mit Worten ist eine Lüge. Stimmt, ein guter Punkt, das gleich suggeriert, dass es in beide Richtungen geht, philosophisch betrachtet ist das ungenau. Da müsste so ein Pfeil oder so etwas sein.
Aber sag mal trotzdem das Gegenbeispiel. Naja, man ist irgendwie Leute auf einer WG-Party, man kocht zusammen etwas und eine Person hat vielleicht eine Intoleranz gegenüber Chili und würde heftige gesundheitliche Probleme bekommen. Ich weiß aber, dass jemand anders beim Kochen Chili hinzugefügt hat. Ja. Die Person fragt mich dann: „Hast du Chili hinzugefügt?“ Und ich sage: „Nee, habe ich nicht.“
Ja. Was die Person ja eigentlich fragt, ist der Chili-Fall. Ich habe also die Wahrheit gesagt, aber ich habe trotzdem getäuscht, weil ich sozusagen noch mehr hätte sagen müssen. Ja, ein super Beispiel, ich versuche das mal in meinen Worten zu wiederholen. WG-Party, es wird gekocht, eine Person verträgt keinen Chili, ist dagegen allergisch.
A verträgt keinen Chili, B macht Chili ans Essen dran. A fragt C: „Hast du Chili ans Essen gemacht?“ Und C sagt: „Nee, habe ich nicht.“ Eigentlich hat A gefragt: „Ist Chili am Essen?“ Also im Sinne von: Hast du oder jemand anders hier auf der Party Chili dran gemacht?
Die Person sagt wahrheitsgemäß, dass sie nichts daran gemacht hat, täuscht aber trotzdem, weil im Kontext, der Sprechakt ist klar, was gemeint ist. Eng, semantisch eng verstanden, war das ein gutes Gegenbeispiel – ein Grund, warum man das nicht als genau gleichsetzen kann. Es sollte auch nur ein Doppelpunkt oder so etwas sein. Lügen haben etwas mit einem Täuschungsversuch zu tun, und dann hatten wir vorhin schon diese Beispiele: Was ist mit Notlügen? Es gibt ja so Beispiele, wo wir im Alltag sagen: Naja, das ist schon formal eine Lüge. Wir haben diese Definition, alle drei Dinge sind erfüllt, aber wir haben trotzdem das Gefühl, das ist moralisch okay und nicht so schlimm. Ich habe mal ein paar Beispiele mitgebracht. Man nennt sie im Englischen "white lies", und im Deutschen glaube ich, gibt es so etwas wie Notlügen. Ich glaube, es gibt auch so etwas wie Höflichkeitslügen und Alltagslügen.
Vielleicht sind das alles Formen von Notlügen. Das ist, glaube ich, nicht richtig lexikalisiert, aber ich glaube, an den Beispielen wird das klar. Man sagt zu den Kindern: "Hast du toll gemacht." Stimmt manchmal, aber es stimmt halt auch nicht immer. Aber wir würden nicht sagen, wenn die Eltern zum Kind sagen, dass irgendwie etwas nicht hingekommen ist, "Hast du trotzdem toll gemacht", dass die jetzt Lügner sind, sondern das war ja auch das Beispiel.
Beispiel hier vorhin: Wenn es im Interesse des Kindes ist und jetzt kein böser Täuschungsversuch ist, würden wir sagen, es ist allenfalls eine Notlüge. Sieht gut aus, deine neue Frisur. Hat man vielleicht schon einmal gesagt, steht dir richtig gut, was du dir gekauft hast. Gibt es bei den Bundesjugendspielen die Siegerurkunde noch? Es gab eine Siegerurkunde und eine Ehrenurkunde.
Es ist klar, dass die Siegerurkunde eigentlich die Verliererurkunde ist, die Siegerurkunde genannt wird. Das war auch eine nette Lüge, damit man nicht traurig war. Hat irgendjemand mal eine Ehrenurkunde bekommen? Okay, keiner. Oh, der Verräter da hinten.
Also, für die, die nur eine Siegerurkunde hatten, war das traumatisch. Man wusste aber trotzdem, dass es keine Siegerurkunde ist. Man hat das auch ein bisschen mit Augenzwinkern gesagt. „Bin schon unterwegs“, hat man vielleicht schon mal gehört. Man macht gerade in der Schule zu und schreibt die WhatsApp: „Bin schon unterwegs.“ Es ist keine böse Täuschungsabsicht, aber eigentlich ist es auch eine Lüge.
Und die größte Lüge unserer Zeit: "Ich habe die AGBs gelesen." Hat das nicht jeder von uns schon einmal angeklickt? Ja, ich habe die AGBs gelesen. Ich glaube, jeder hat das gesagt. Diese Lüge hat jeder schon einmal verwendet, aber es wäre zu aufwendig, ehrlich zu sein, wenn man nicht lügen möchte. Und das Interessante ist, es ist auch psychologisch.
In Experimenten und in Bezug auf die Menschen ist die philosophische Unterscheidung, die wir zu Beginn gemacht haben, klar. Den Menschen ist zwar bewusst, dass man zwischen den Begriffen unterscheiden kann, aber bei der moralischen Bewertung ist ihnen das nicht mehr so wichtig. Entscheidend ist vor allem, ob eine hinterhältige oder böse Absicht dahintersteckt. Wir hatten das ganz am Anfang nur so opportunistisch gehört. Wenn man also zu seinem eigenen Zweck oder zum Zweck der Gruppe andere hintergeht oder täuscht, und dabei etwas moralisch Verwerfliches tut, wird das stark verurteilt. Welche Art von Lüge das war, ist den Leuten dann nicht so wichtig.
Oder umgekehrt, wenn es eine ganz klare Lüge ist, also was die Eltern sagen, ist ganz klar gelogen, aber es ist zum Wohle des Kindes, dann nennt man so etwas wie Notlüge, womit man sagen will, naja, formal ist das eine Lüge, aber es ist moralisch jetzt nichts Falsches. Ein großes Thema, übrigens auch in der Philosophie, ist umstritten, ob jede Form von Lüge moralisch falsch ist. Kant, der Philosoph der Aufklärung, einer der wichtigsten Philosophen der Philosophiegeschichte, sagt, das lügenhafte Versprechen ist immer falsch. Man darf eigentlich nie lügen, aber andere sehen das vielleicht heute ein bisschen anders. Und das Lustige ist, es gibt auch Untersuchungen dazu, das geht vielleicht ein bisschen in die Richtung, was du gefragt hast: Was ist mit solchen Sachen, wo ich formal etwas Wahres gesagt habe, aber trotzdem die andere Person in die Irre geleitet habe? Also was mit dem Chili, es war eigentlich klar, was gemeint war, aber ich habe so geantwortet, dass ich formal nicht gelogen habe und die Person aber damit rechnen muss, dass sie trotzdem getäuscht wird.
Und das nennt man im Englischen "poltering". Das sind wahre, aber irreführende Aussagen. Und dazu gibt es auch einen psychologischen Aufsatz, in dem Experimente durchgeführt wurden. Dabei wurden den Probanden solche Vignetten gegeben, in denen die Menschen zwar etwas Wahres sagen – formal also nicht lügen –, es jedoch offensichtlich ist, dass dies irreführend oder mit Täuschungsabsicht geschieht. Die Leute verurteilen diese Aussagen genauso wie echte Lügen. Sie sagen also nicht: "Ah, das war ja nicht gelogen", sondern sie durchschauen sofort die Intention dahinter. Es geht eher darum, welches Manöver dahintersteckt.
Und ein lustiges Beispiel für Poltern ist: Ich weiß nicht, ob ihr die Geschichte kennt. Bill Clinton, Präsident der USA, hatte eine Affäre mit Monica Lewinsky, die Praktikantin war. Das kam ans Licht, und er wurde dann interviewt. Im Interview wurde er von einem Journalisten gefragt: „Also ist es richtig, dass Sie mit dieser jungen Frau keine sexuelle Beziehung hatten?“ Und Bill Clinton antwortet wie ein perfekt ausgebildeter Politiker: „There is no sexual relationship, this is accurate.“ Also sagt er: „Jetzt gibt es keine, beziehungsweise...“
Weil das halt in der Vergangenheit lag. Das heißt, er hat etwas Wahres gesagt, aber er hat natürlich nicht auf die Frage geantwortet. Und wenn man Leuten das präsentiert, auch vielleicht einen Rat an Politiker, alle durchschauen das. Man kommt damit nicht weg. Er hat zwar formal jetzt nicht gelogen, es ist vielleicht auch noch die Frage, ob das justiziabel ist. Vielleicht hat er sozusagen als Jurist gedacht: Ich sage jetzt etwas, was zwar formal juristisch nicht gelogen ist, aber wenn man Leute fragt, Wählerinnen und Wähler fragt, jeder durchschaut das. Wer nicht gut lügen kann, hat in der Politik keinen Erfolg.
Ich überspringe mal diesen Teil: Warum täuschen wir andere? Könnt ihr euch im Netz anschauen. Da es nur interessant ist, eine Sache ist, Menschen, gibt es eine Beobachtung im Tierreich, dass es Tiere gibt, die sich tarnen. Das sind die Tiere, die typischerweise gejagt werden, und die Jägertiere, die sehr gute Sinnesorgane haben. Je besser die Sinnesorgane der Jäger werden, desto eher überleben die Tiere, die gut getarnt sind. Also sind die noch besser getarnt.
Je besser die Tiere getarnt sind, desto feiner werden die Sinne der Jägertiere, weil nur die überleben, die sehr gute Sinne haben. Das ist so eine Art Wettrüsten, das es im Tierreich gibt. Sehr gute Sinne haben. Das ist so eine Art Wettrüsten, das es im Tierreich gibt. Das gibt es mittlerweile, wenn man sich anschaut, dass Jägertiere unglaublich feine Sinne haben und es unglaublich gute Tarnungen gibt.
Und dieses Wettrüsten ist ein Hin und Her im Tierreich. Das kann man in der Biologie gut beobachten. Ich glaube, man kann dasselbe, unabhängig davon, was da jetzt noch kommt, auch in der digitalen Sphäre beobachten. Auf der einen Seite gibt es Leute, die uns ständig täuschen und manipulieren wollen. Das können Firmen sein, Lobbygruppen, Aktivisten, politische Gruppierungen, Leute, die uns etwas verkaufen wollen, oder Trolle, die irgendwie Unfrieden stiften wollen. Also versuchen alle möglichen Leute, uns in die eine oder andere Richtung zu manipulieren.
Müssen besser werden. Aber ich glaube, das ist so; darüber werden wir noch ausführlich reden. Beides schaukelt sich hoch. Je besser man darin wird, Unfug im Netz, zum Beispiel, zu entdecken und zu enttarnen, desto besser hat man einen Blick dafür, was gephotoshoppte Bilder sind und was typische Clickbait-Headlines sind. Je mehr wir das, je besser wir darin werden, desto besser werden auch auf der anderen Seite die Leute darin, immer bessere Manipulationen zu finden.
Immer bessere manipulierte Bilder, immer raffiniertere Geschichten. Das ist die gleiche Art von Wettrüsten zwischen Täuschung und der Aufdeckung der Täuschung. Meine Frage ist nicht eine Form des Wettrüstens, die dazu führt, dass die Menschen, die Informationen konsumieren, einfach immer mehr davon haben, sodass man gar nicht mehr nachkommt. Das ist also ein quantitatives Problem.
Die Leute, die Fake News produzieren, hauen so viel raus, dass man einfach mit der Aufdeckung nicht hinterherkommt. Ja, also das ist eine instantane Beobachtung. Dazu habe ich, glaube ich, in der übernächsten Sitzung, nächste Sitzung machen wir etwas über Fake News. Da wird es genau darum gehen, dass es so eine Art Asymmetrie gibt. Es ist nicht ein symmetrisches Wettrüsten, sondern die Leute, die Unfug stiften im Netz, sind immer ein Vorteilstratege.
Weil es schwieriger und aufwendiger ist, das aufzulösen, als einfach nur erstmal rauszuhauen. Also das machen wir auf jeden Fall noch, das ist ein guter Punkt. Ich glaube auf jeden Fall, man muss sich schützen gegen Formen von Manipulationen. Eine Art, sich zu schützen, ist, ich nenne das Bullshit-Resistenz, man könnte auch sagen kritisches Denken. Darum soll es in der Vorlesung gehen.
Warum ist kritisches Denken wichtig? Weil wir uns natürlich einerseits nicht gerne täuschen lassen wollen. Man möchte nicht gerne ein Trottel sein. Das geht wahrscheinlich den meisten hier so. Man möchte nicht an etwas glauben, das eigentlich nicht stimmt.
Wir wollen uns natürlich vor Manipulation durch andere schützen. Es ist noch schlimmer, wenn uns Leute irgendwie manipulieren können und wir dann das glauben, was sie uns erzählen. Das ist unangenehm. Aber wir wollen uns natürlich auch vor unseren eigenen Denkfehlern, Irrtümern und Vorurteilen schützen, die uns daran hindern können, die Fakten zu erkennen. Es muss ja nicht immer jemand im Spiel sein, der uns absichtlich oder zumindest vorsätzlich zu täuschen versucht, sondern ganz oft ist es so, dass wir etwas lesen und einfach durch unsere eigenen Unzulänglichkeiten und Vorurteile darauf reinfallen, und das möchte man auch irgendwie vermeiden.
Deshalb glaube ich, dass kritisches Denken für beides ganz gut ist. Man kann sich vor der Manipulation anderer schützen, aber auch selber ein bisschen scharfsinniger werden, wenn es darum geht, woher eine Information kommt. Sollte ich das glauben? Und einer, ich hatte Kant schon erwähnt, Kant hat diesen berühmten Text geschrieben: "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" In der Schule gemacht? Gar nicht so viele.
Ich wollte fast sagen, früher war das Standardlektüre in der Schule. Aber manchmal hat man das in der Schule gemacht – so ein Aufsatz, den er in der Berlinischen Monatsschrift geschrieben hat. Und es war so eine Preisfrage, die beantwortet werden sollte. Da sagt Kant, das hat auch der Aufklärung der Epoche so ein bisschen die Grundidee dieser Epoche charakterisiert: sich seines eigenen Verstandes bedienen sollte und nicht einfach auf das hören sollte, was andere sagen.
Damals hat er das ein bisschen durch die Blume gesagt, die Religionen und die Dogmen der Obrigkeit. Er hat gesagt, nur weil es in der Bibel steht, konnte man das nicht ganz so explizit ausdrücken, weil es natürlich eine Zeit war, in der man die Religion immer ein bisschen indirekter kritisieren musste. Er sagte, dass kritisches Denken darin besteht, selbst zu überlegen, ob das stimmt, und sich nicht auf andere zu verlassen, also nicht wie ein Trottel einfach das zu übernehmen, was andere sagen, sondern kritisch zu sein. Er hat jedoch nicht gesagt, wie das geht.
Er hat gesagt, das ist wichtig, aber man denkt dann so: "Jetzt, und wie mache ich das?" Darüber schweigt sich der Aufsatz aus. Es geht erstmal nur um die Grundidee und ich glaube, heute muss man das auch ein bisschen erweitern. Es geht nicht nur um die Dogmen der Religionen, sondern es gibt, wie ich vorhin gerade charakterisiert habe, Manipulationen, Ideologien aller Art. Alle möglichen Leute versuchen, einen in die eine oder andere Richtung zu bringen, also von den Leuten, die einem etwas verantworten.
Verkaufen wollen, bis hin zu politischen oder auch religiösen Ideologien, und gegen all das muss man sich schützen. Deshalb ist die große Preisfrage, glaube ich, heute eher die empirische Frage, gar nicht so sehr die begriffliche Frage, was ist Aufklärung, sondern eher: Wie geht das? Wie schaffe ich es, mir sozusagen einen geistigen Werkzeugkoffer zuzulegen von Methoden oder Sichtweisen, die es mir erlauben, besser Informationen, die ich bekomme – ob das jetzt aus der Wissenschaft ist, aus dem Journalismus oder von Leuten, die es mir erzählen, auf der Party – richtig einzuschätzen und nicht darauf reinzufallen, wenn es Unfug oder Bullshit ist? Dann würde ich nicht eigentlich bei der Nutzung des generischen Maskulins auch eine von Manipulation und Täuschung getragene Sichtweise vertreten, weil ja ganz viele Studien eindeutig zeigen, wie sich das auf die Menschen auswirkt oder so.
Das Narrativ wird geschaffen, und ab dem Moment, wo es ja gerade nicht im Umbruch ist mit der Sprache und die Gesetze sich vielleicht auch irgendwann ändern würden, sind wir dann nicht in einem Prozess, wo man auch schon von Forschung und Manipulation sprechen könnte? Sage ich Ihnen am Anfang noch einmal, worin besteht die Manipulation in der Sprache? Ja, wenn ich das generische Maskulinum benutze und ich sage zum Beispiel, ich bin zum Wohlschützherrn oder zum Lehrer. Ich benutze und ich sage zum Beispiel von Wohlschützherren oder von Lehrern.
Ja, ja. Ja, das ist eine interessante Frage. Also, ich fasse dich noch mal kurz zusammen. Die Frage ist: Kann mich vielleicht die Sprache selbst täuschen, zum Beispiel darin, dass wir das generische Maskulinum verwenden, also in den Pluralformen eine maskuline Form nehmen? Und könnte es nicht sein, dass es Studien gibt, die suggerieren, dass wir dadurch, was war das, dass dann zum Beispiel, wenn man „Pluralpiloten“ sagt, Mädchen seltener Pilot werden?
Ich habe eine kurze und eine lange Antwort dazu. Die kurze Antwort ist, wir machen eine ganze Sitzung dazu, wie uns Sprache beeinflusst. Da geht es um solche Themen wie Framing und ob bestimmte Wörter uns in die eine oder andere Richtung denken lassen. Ich habe dazu jetzt nichts über Gendern gesagt, aber wir könnten es da nochmal ansprechen.
Das würde da reinpassen. Ich habe mal eine ganze Vorlesung dazu gemacht – eine Einführung in die Sprachtheorie. Da gab es auch jetzt eine ganze Sitzung zu Gendern. Damit es nicht zu lang wird, ist die kurze Antwort: Diese Studien, die das angeblich zeigen, sind extrem fragwürdig. Wenn man sich andere Faktoren anschaut und auch andere Sprachsysteme betrachtet, vorsichtig formuliert, ist es unentschieden, ob das wirklich so ist, dass die Berufswahl irgendetwas mit den Pluralformen zu tun hat. Sehr wahrscheinlich sind es andere Faktoren.
Aber wir könnten es vielleicht nochmal aufgreifen, wenn du dich daran erinnerst, wenn wir über diese Frage der Sprachkritik sprechen, weil das genau ein Ansatz der Sprachkritik ist. Es gibt aus ganz verschiedenen Bereichen Fragen, die sich stellen. Vielleicht gibt die Art und Weise, wie wir über ein Thema sprechen, mir schon eine Perspektive vor, die jetzt zwar nicht lügenhaft ist, aber mich vielleicht in die eine oder andere Richtung so lenkt, dass ich vielleicht sogar meine Berufswahl oder mein Weltbild davon abhänge. Ja, was ich noch sagen wollte, genau, also es war nur noch abschließend dazu: Kritisches Denken kann man lernen, und es macht Spaß, sich damit zu beschäftigen; es ist manchmal auch ein bisschen anstrengend. Ich würde die Frage ganz kurz zurückstellen und nur vielleicht noch, damit wir es noch schaffen – weil wir ein bisschen später angefangen haben – ganz kurz zu dem Vorlesungsplan, damit ihr einen Überblick habt, worum es geht. Heute in der ersten Sitzung: Lügen, Bullshit, Trottel. Was ist das eigentlich? Lügen, Täuschen.
Nächstes Mal sprechen wir über Fake News. Dann über Wahrheit, eher philosophisch. Danach geht es um die Frage, was wir wissen können. Dabei geht es um Wissen und Wissenschaft. Schließlich schauen wir uns sehr unterhaltsam verschiedene Verschwörungstheorien an.
Am 23.05. machen wir zwei Sitzungen über Rationalität, also woher kommen unsere Denkfehler, Kurzschlüsse und Vorurteile? Wie können wir sie vermeiden? Was bedeutet es, vernünftig zu denken? Und ist intuitives Denken, also nach dem Bauchgefühl zu gehen, manchmal oder immer oder vielleicht gar nicht so förderlich?
Dann möchte ich eine Sitzung zum Thema Identitätsschutz und ideologisches Denken abhalten. Also diese ganze Frage, ob Menschen Fakten anders einschätzen, wenn sie nicht wirklich zu ihrer Ideologie passen. Das ist ein ganz heißes Thema zurzeit, eine Frage der Psychologie. Eine Sitzung, in der wir uns damit beschäftigen, wie Menschen durch Bilder getäuscht werden. Das können Fotos oder Filme sein, aber auch Deepfakes, die oft ein Gefühl von Wahrheit vermitteln. Sind wir manipulierbar durch Bilder? Und das Zweite ist das Gleiche noch einmal, aber mit Sprache. Also, wie sind wir durch Worte beeinflussbar? Framing und auch sprachmagische Vorstellungen, auch wenn die Worte groß sind. Manchmal nennt man das „profunder Bullshit“, wenn besonders schwere, große Wörter verwendet werden.
Das finden manche Leute beeindruckend. Und natürlich auch so etwas wie, ob es Wörter oder grammatische Formen gibt, die mein Denken in die eine oder andere Richtung beeinflussen. Das machen wir in der Sitzung. Dann eine Sitzung zu Pseudowissenschaft, Astrologie, Homöopathie, UFOs, solche Sachen. Eine Sitzung zu Unsinn im Namen der Wissenschaft.
Das haben wir vielleicht während Corona besonders stark gesehen, dass immer mehr Wissenschaft verwendet wird, teilweise Einzelstudien oder auch fehlinterpretiert, um eine Aussage zu vermitteln. Nachdruck zu verleihen, aber tatsächlich steckt dann oft gar nicht so viel dahinter. In der letzten Sitzung wollte ich mir noch ein bisschen angucken, wie es eigentlich im digitalen Raum aussieht: Also Echokammern, Informationsfilter, Algorithmen, digitaler Bullshit. Was passiert dort und vor allen Dingen dann am Ende die Frage, wie kann ich mich denn dagegen schützen? Vielleicht dazu noch Fragen. Wir können gleich noch die formalen Sachen kurz besprechen, wie das mit Scheinerwerb, Teilnahme, Nachweis und so weiter ist. Aber vielleicht nochmal zu den inhaltlichen Sachen.
Eine Frage war hier vorne noch. Ich habe mich nur im Augenwinkel gesehen. Ach, Verzeihung, ja. Ich wollte einfach den Kommentar bezüglich des gemeldeten Maskendienstes anmerken. Also, ob man das so sagen kann, ja.
Ich glaube nicht, dass wir es auch mit Rasse zu tun haben, sondern eher mit der Funktionsweise der Gesellschaft. Wenn wir zum Beispiel Farsi anschauen, gibt es in dieser Sprache kein Gender und auch keine Artikel. Trotzdem ist die gesamte Gesellschaft oder auch die Gesellschaft... Es ist nur eine kurze Nebenbemerkung, aber wir können das vielleicht wieder aufgreifen, denn ich habe relativ viel Material dazu. Ich könnte eine ganze Vorlesung darüber halten. Ein Argument könnte sein, dass der Zusammenhang zwischen unseren Rollenvorstellungen, die wir haben – was typisch für einen Mann oder eine Frau ist – und den Präferenzen, die Männer und Frauen in der Berufswahl haben, nicht so direkt mit dem grammatischen System korreliert. Ein weiteres Argument könnte sein, dass Farsi im Iran und Afghanistan gesprochen wird, also in zwei Varianten davon. Das sind Länder, in denen sehr patriarchale Vorstellungen vorherrschen, wo Gendergerechtigkeiten, wie sie in westlichen Ländern wie Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden vorhanden sind, nicht existieren. Wenn es also keine direkte Korrelation zwischen dem grammatischen System gibt, weil es dort kein generisches Maskulinum gibt, müsste es eigentlich besser sein. Dann könnte man vielleicht argumentieren, dass der Zusammenhang zwischen Grammatik und Lebensvorstellungen nicht so eng ist, wie man annehmen könnte.
Aber weil das ein sehr weites Feld ist und sehr komplex, müsste man sich das im Detail angucken, und das würde hier jetzt ein bisschen zu weit führen, würde ich es verschieben, zumindest auf diese Sitzung zur Sprachkritik. Dann könnte man das nochmal aufgreifen. Ich kann noch ein bisschen etwas da einfügen in die Folie. Ich kann auch die Folien aus dem letzten Semester vielleicht einmal hochladen. Bei Moodle gibt es diese ganzen Informationen. Da laden wir auch die Aufsätze hoch und die Folien aus dieser Vorlesung. Für die, die es interessiert, sind da auch Quellen dabei. Ich kann mal die Folie vom letzten Semester hochladen, und dann könnt ihr euch anschauen, welche Studien und Argumente es in der Diskussion der letzten 40 Jahre gibt.
Gut, dann würde ich sagen, machen wir jetzt erstmal Schluss für heute mit der Vorlesung. Für diejenigen, die jetzt gleich noch formale Fragen oder organisatorische Fragen haben, könnt ihr noch ein paar Minuten bleiben. Dann erklären wir noch ganz kurz, wie das mit dem Scheinerwerb funktioniert. Erstmal vielen Dank.