Prof. Dr. Markus Gabriel: Fakten. Fakten. Fakten. – Betrachtungen zur Neuen Aufklärung.
SourceDas ist der moralische Fortschritt der Menschheit, der darin besteht, dass wir uns gegenseitig verbessern in dem, was wir tun. Und vor diesem Hintergrund ist es ganz wichtig zu betonen, dass die Fakten bestimmen, wie wir sind. Also richten die Fakten darüber, ob unsere Gesellschaft gelingt. Wenn wir die Fakten nicht erfassen, bricht nämlich unsere Gesellschaft zusammen. Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, ich begrüße Sie sehr herzlich hier und heute im Namen des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern zu einem weiteren Vortrag mit meinem Kollegen Prof. Dr. Markus Gabriel. Der Vortrag, Sie sehen es hier, trägt den Titel „Fakten, Fakten, Fakten“.
Und geht auf die Zitate des deutschen Logikers und Philosophen Gottlob Frege zurück, ein Meister seines Fachs, wie mir bescheinigt wurde. Das Ziel der Wissenschaft ist, nach Frege sich an Fakten zu orientieren, sich an Fakten zu halten. Was das genau bedeutet, was das näher bedeutet, werden wir heute Abend sicherlich erfahren. Seien Sie mit mir zusammen gespannt, was Markus Gabriel dazu zu berichten hat. Markus ist nun zum dritten Mal bei uns in Luzern, und ich würde sagen: Einmal ist kein Mal, zweimal ist bereits eine Tradition, und das dritte Mal, das dritte Mal ist die Fortsetzung einer stolzen Tradition.
Lieber Markus, sei herzlich willkommen! Wir freuen uns auf deine, wie immer gewohnt rasante Lecture. Du siehst, die Fangemeinde, deine Fangemeinde hier in der Zentralschweiz, wächst ebenfalls. Markus Gabriel ist, Sie wissen es, ordentlicher Professor für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn. Und dies notabene bereits seit 2009. Ich sehe, wir wurden gleichzeitig ordiniert. Er leitet ebenfalls das Center for Science and Thought in Bonn, das sich mit Fragen der künstlichen Intelligenz befasst.
Und vor allem, er ist Mitbegründer der philosophischen Strömung des Neuen Realismus, die es unternimmt, Wahrheit und Wirklichkeit ganz neu zu beschreiben und zu ergründen. Sein Denken ist mittlerweile in unzähligen Publikationen in deutscher Sprache, in englischer Sprache, in chinesischer Sprache – nicht, dass ich das verstehen könnte, aber es wird so kolportiert – in japanischer Sprache ebenfalls und in ein paar Dutzend weiteren Idiomen übersetzt und dokumentiert. Chapeau. Diesmal soll es also um Fakten gehen. Sie wissen ja vielleicht, dass das IWP-Credo lautet: Fakten stehen über Meinungen.
Aber was ist eigentlich genau ein Faktum? So wie ich die Philosophen kenne, ist nichts so einfach, wie es zunächst scheint, zumindest für einen profan ausgebildeten Volkswirt. Gerne übergebe ich deshalb meinem Kompagnon Dr. René Scheu, Geschäftsführer des IWP und ausgebildeter, promovierter Philosoph, das Wort. Er wird kurz zu Fakten und Meinungen einführen und unseren heutigen Gast, Markus Gabriel, gebührend vorstellen. Herzlichen Dank, dass du da bist. Herzlichen Dank Ihnen, verehrtes Publikum, dass Sie den Weg hierher an die Universität Luzern zum IWP gefunden haben.
Ich wünsche uns allen zusammen einen vergnüglichen Abend. Vielen Dank. Gefunden haben. Ich wünsche uns allen zusammen einen vergnüglichen Abend. Ich mache ebenfalls den Mikrofontest. Hört man mich?
Gut, wunderbar. Lieber Christoph, ich fürchte in der Tat, du hast recht, Philosophen komplizieren die Dinge. Aber sie tun das mit gutem Grund, denn sie gehen den Dingen auf den Grund, so gut es geht. Und wer die Erkenntnis kompliziert, reichert sie zugleich an. Philosophen machen das menschliche Leben noch spannender, als es ohnehin schon ist.
Zuerst zu den Meinungen. Meinungen sind das, was man so sagt. Martin Heidegger spricht vom Mann, vom Gerede des Mannes. Das ist unser alltäglicher Modus des Sprechens. Man sagt, was man so gehört hat, man wiederholt, was andere sagen. Man spricht, um zu gefallen, man spricht, um dazuzugehören.
Diese Art des Sprechens ist ein Reden ohne Wahrheitsanspruch. Der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt nennt es „Bullshitten“ und verhilft damit einem deftigen Begriff der Alltagssprache zu philosophischer Würde. Anders ist das Reden mit Wahrheitsanspruch. Man will wissen, wie sich die Dinge wirklich verhalten, wie sie faktisch sind. Sehr geehrte Damen und Herren, um Fakten soll es heute gehen, zu Deutsch, um Tatsachen. Klingt gut, würde ich meinen.
Sind Fakten nicht das, wonach sich im Zeitalter von Fake News und schrankenlosem Meinungsäußern nicht alle sehnen, oder dies jedenfalls behaupten? Doch wenn man die Begriffe näher betrachtet, stellt sich schon ein erstes Problem. „Faktum“ mit „k“ kommt von „Faktum“ mit „c“, Partizip Perfekt von lateinisch „facere“, machen. Ein Faktum ist also wörtlich das Gemachte. Das, was von allem menschlichen Denken unabhängig sein soll, ist eben das Faktum, das vom Menschen Gemachte.
Dieselbe Ambivalenz treffen wir im deutschen Wort an, das wir zumeist einfach so gebrauchen, ohne uns über die interessante Komposition Gedanken zu machen. Die Tatsache. Die Tatsache ist eine Tatsache. Also eine Sache der Tat, also wiederum das Ergebnis menschlichen Handelns. Das ist im Übrigen auch genau Gottlob-Fräges Punkt.
Christoph hat darauf hingewiesen. Ich darf Ihnen eins der Zitate kurz vorlesen, in denen der deutsche Logiker von Fakten spricht. Das Zitat stammt aus dem Werk „Die Verneinung“ von 1918. „Fakten, Fakten, Fakten“, ruft der Naturforscher aus, wenn er die Notwendigkeit eines festen Fundaments für die Wissenschaft betonen will. Was ist ein Faktum?
Ein Faktum ist ein Gedanke, der wahr ist. Aber der Naturforscher wird gewiss etwas, das von den wechselnden Zuständen des menschlichen Gemüts abhängt, nicht als das feste Fundament der Wissenschaft anerkennen wollen. Zitat Ende. Ein Faktum ist ein Gedanke, der wahr ist, sagt Frege. Ein wahrer Gedanke. Und der Gedanke wird von Menschen gedacht.
Andererseits wäre ein wahrer Gedanke auch dann wahr, wenn ihn kein Mensch dachte. Das trifft mutmaßlich auf viele Gedanken zu, die noch nicht gedacht wurden. Und ein wahrer Gedanke wäre streng genommen selbst dann wahr, wenn es überhaupt keine Menschen gäbe, um ihn zu denken. Wir sehen also, die Sache ist ziemlich tricky. Philosophen komplizieren Dinge.
In der Ökonomie hat es überdies eine besondere Bewandtnis mit den Fakten, den Tatsachen. Wenn wir zum Beispiel etwas über Ungleichheit in der Schweiz erfahren wollen, können wir uns nicht einfach auf die Straße stellen und Leute beobachten oder befragen. Denn alle Befragten können sich über die wirklichen Verhältnisse täuschen. Wenn wir die Leute über die Einkommensungleichheit in der Schweiz befragen, erfahren wir, was sie über die Ungleichheit zu wissen glauben bzw. vermuten, aber wir erfahren nicht, wie sich die Dinge tatsächlich verhalten. Wir brauchen Daten, in diesem Fall Steuerdaten der Steuerbehörden, und Daten muss man erheben, Daten der Steuerbehörden.
Und Daten muss man erheben. Daten sind menschengemacht. Aber erst die Daten erlauben uns, mit etablierten Methodiken die Verhältnisse ungleicher Einkommensverteilung wirklich zu beschreiben und zu begreifen, wie wir das mit der Swiss Inequality Database tun. Sie sehen, Tatsachen sind nicht trivial. Und ich werfe hier mit schwierigen, hochbelasteten Begriffen um mich: Wahrheit, Wirklichkeit, tatsächlich Tatsache.
Die Wahrheit gibt es nach Markus Gabriel, ebenso Tatsachen und die Menschen, die sie denken oder hervorbringen, auch wenn dies manche heute leugnen. Aber die Welt gibt es nach Markus Gabriel nicht. Das ist im Übrigen der Titel von einem seiner bekanntesten Bücher, „Warum es die Welt nicht gibt“. Die Realität gibt es, und wie können Sie sie erkennen? Aber die Welt gibt es nicht?
Wir sind nach meiner kurzen Einführung noch verwirrter als zuvor. Genau das war mein Ziel. Lieber Markus, wir brauchen Sie. Wir brauchen dringend Aufklärung und am besten neue Aufklärung. The floor is yours. Ich muss dann gleich zur Ordnung aufrufen, wenn die Kunst auftaucht.
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Studierende, sehr geehrte Damen und Herren, ehrwürdige Versammlung. An erster Stelle möchte ich Christoph und René für die wiederholte Einladung an diesen wunderbaren Ort danken. Es ist immer ein großes Privileg, das Panorama an diesem See zu genießen und notwendige, tiefsinnige Gespräche über Wirtschaft und Philosophie zu führen. Ich habe sehr viel aus unseren Gesprächen gelernt und komme gerade aus Japan, wo ich einige meiner Ideen weiter vertreten habe, die ich hier letztes Jahr unter dem Stichwort eines ethischen Kapitalismus entwickeln durfte. Dort werde ich heute anknüpfen und komme aus einem etwas anderen Einfallswinkel.
Ich möchte Sie ja nicht langweilen, indem ich mich einfach nur wiederhole. Erlauben Sie mir bitte, heute mit einer kleinen Präambel zu beginnen. Danach sage ich Ihnen, worum es im Vortrag geht; es ist ein Vorgeschmack auf ein kommendes Buch, an dem ich gerade mit René Scheu arbeite. Das Buch soll heißen „Das Buch der Positivität: Beispiele zur neuen Aufklärung“ und behandelt umfassend dasjenige, was uns heute beschäftigen wird. Neue Aufklärung ist der Eingang des Menschen in seine selbstgewollte Verantwortlichkeit.
Verantwortlichkeit ist das Vermögen, sich seines Geistes im Angesicht der Tatsachen furchtlos zu bedienen. Sie flieht nicht. Sie durchbricht die Illusionen, selbst dann, wenn sie gemütlich zu sein scheinen. Diese Verantwortlichkeit ist wertvoll, wenn die Ursache derselben nicht im Mangel des Geistes, sondern in der Entschlossenheit und dem Mut liegt, sich seiner zu bedienen, um die Realität zu erkennen. Die Wirklichkeit erkennt man aber niemals alleine. Wer denkt, kann sich täuschen, und nur wer sich täuscht, kann sich korrigieren.
Wer ein Leben der Aufklärung führt, wünscht sich daher, von anderen korrigiert und verbessert zu werden, um sich selbst korrigieren zu können. Wer ein Leben der Aufklärung führt, wünscht sich daher, von anderen korrigiert und verbessert zu werden und diesen wiederum dabei zu helfen, das Ziel der Menschheit zu erreichen, nämlich den Fortschritt. Gemeinsam irren wir uns empor, und dabei zeigt sich die Wirklichkeit als dasjenige, dem gegenüber wir als Menschheit verantwortlich sind. Wir können sie erkennen, so wie sie ist. Wir können aber auch unsere Augen verschließen und im dumpfen Meinen verharren.
Dass wir uns irren können, heißt, dass wir nicht irre sind. Nur wer etwas zu behaupten wagt, denkt, und das Denken ist der alleinige Weg zur Wahrheit. Doch Fortschritt erreicht man nicht nur im Denken. Der Mensch ist als freies, geistiges Lebewesen wesentlich sozial und Teil von Gemeinschaften. Die menschliche Gemeinschaft produziert Mehrwert.
Wir sind wirtschaftlich. In Wirklichkeit steckt im Wort "Wirtschaft" ein "Wir" des Tuns. Deines eigenen Geistes zu bedienen, der im ewigen Gespräch mit dem Geist der anderen lebt, ist also der Wahlspruch der neuen Aufklärung. Gemessen wird unsere Gemeinschaft nicht an ihren Meinungen, die sie sich von sich selbst macht, sondern an den Tatsachen. Blendet man diese aus und beschränkt sich auf die bloße Stärkung des Zusammenhalts der Gruppen, denen man angehört, entsteht nur ein Trugbild des Fortschritts, eben jener Wohlstands-Maoismus, der uns wahrhaft Fortgeschrittene heute in die Enge gaukelt und uns vorführt, Fortschritt sei Rückschritt und nur die Verabschiedung des Denkens, die Verachtung der Vernunft des Menschen, der Wirtschaft und des liberalen demokratischen Rechtsstaats könnte uns erlösen vom Wirtschaftswachstum. Der Wohlstands-Maoismus sagt uns nicht, was er will.
Er strebt kein Ziel außer der dauernden Zerstörung, dem reinen sozialen Wandel um des Wandels willen an. Die neue Aufklärung hingegen schätzt das Positive. Ja, sie verachtet nicht einmal den Positivismus. Sie widersetzt sich so dem Geist der Negativität. Feigheit, Verblendung und eine verantwortungslose Gesellschaft sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen die Existenz ihres eigenen Geistes bestreitet. Stattdessen überantworten sie ihr Denken leerlaufenden Meinungen.
Es gibt aber Links nicht nur um das Unsrige, sondern um das Meine. Das Meinen ist deswegen wichtig. Das Meinen, wie wir sehen werden, bestreitet das Unsrige. Es ist mein Meinen und deswegen gemein. Anstatt zu erkennen, dass Geist wirklich ist und sich im menschlichen Leben überall verkörpert, flüstern die Mächte der Unfreiheit uns ein, wir könnten der Wirklichkeit durchs bloße Meinen erfolgreich entrinnen. Doch das kann man nicht.
Wir sind schließlich in sie eingeschrieben. Wir werden heute oft hören, dass das, was wir in Wirklichkeit mitklingt, und verändern sie höchstens, indem wir sie uns wegwünschen. Wer die Augen verschließt, sieht nur nicht, wenn er in den Vierwaldstättersee fällt. Er fällt trotzdem. Hallo, mein Name ist René Scheu. Ich bin Geschäftsführer des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern.
Ich habe 25 Sekunden, um Sie zu überzeugen. Das IWP ist ein Wirtschaftsforschungsinstitut, an dem 20 Postdocs, Doktoranden und studentische Hilfskräfte arbeiten. Wir finanzieren uns über freiwillige Spenden. Wissen Sie, wie Sie Teil der IWP-Community werden können? Ganz einfach. Folgen Sie Ihrem pochenden Herzen auf unserer Website oder in unserer App.
Unterstützen Sie uns, unterstützen Sie unsere wertvolle Arbeit. Und nun, weiterhin viel Spaß und Erkenntnisgewinn mit dem Video "Film Up"! Damit kommen wir zum Vortrag. Der Vortrag hat die folgende Struktur: Ich beginne mit einer Einleitung nach der Präambel. Dann arbeiten wir uns durch das Thema „Fakten, Fakten, Fakten“ in drei Gängen durch.
Der erste Gang richtet sich gegen Relativismus und Nihilismus, das geistige Klima dessen, was ich eben den Wohlstands-Mauismus bezeichnet habe, der Hauptstrom der Ideologie unserer Zeit. Dann geht es um die neue Aufklärung, um das, was wir in Wirklichkeit und in der Wirtschaft erleben, und schließlich im dritten Teil um eine kurze Theorie der Arbeitsteilung. Ich arbeite mich an einem vergessenen Erbe der Aufklärung ab, nämlich an Moses Mendelssohns Text „Was heißt aufklären?“. Dieser ist bei genauerer Betrachtung sehr viel besser als der kantische Text „Was ist Aufklärung?“, wird jedoch weitgehend vergessen im Vergleich zum kantischen. Der Text wird uns dann einen Weg liefern, um zu verstehen, warum Japan und die Schweiz die schönsten Länder der Welt sind. Also freuen Sie sich!
Am Ende hören Sie, warum es hier gut ist. Aber wir müssen es uns erarbeiten. Es reicht nicht, das bloß zu meinen. Wir wollen wissen, warum die Schweiz schön ist. Und das ist eigentlich das Ziel dieses Vortrags.
Beginnen wir. René Scheu hat ja schon gesagt, mit den Fakten und den Tatsachen und den Meinungen sei es schwierig. Ich versuche es jetzt etwas einfacher zu machen. Schauen wir mal, ob mir das gelingt. Beginnen wir zunächst einmal mit dem Begriff eines Faktums.
Ein Faktum, das wir schon gehört haben, stammt von dem großen Logiker und Mathematiker Gottlob Frege, einem der wichtigsten und scharfsinnigsten Köpfe der Menschheitsgeschichte: Ein Gedanke, der wahr ist. Das wurde eben schon zitiert. Man findet das dreimal in seinem Werk, vor allem in seinen Texten "Der Gedanke" von 1918 und seinem Text "Die Verneinung". Dort wird diese Definition eingeführt. Ein Gedanke hängt wesentlich, ich zitiere das auch noch einmal, nicht von den wechselnden Zuständen des menschlichen Gemüts ab.
Also, zum Beispiel ist das eine Tatsache, dass wir uns gerade in Luzern befinden. Was ist eine Tatsache? Jetzt kommt eine etwas überarbeitete Definition. Der neue Realismus ist über Frege hinausgegangen. Ich sage Ihnen jetzt, was ich glaube, was Tatsachen sind.
Eine Tatsache ist etwas, was wir in einer wahren Antwort auf eine sinnvoll gestellte Frage ausdrücken. Ich wiederhole das und mache dann Beispiele. Also, eine Tatsache ist etwas, was wir in einer wahren Antwort auf eine sinnvoll gestellte Frage ausdrücken. Hier ist eine sinnvoll gestellte Frage: Befinden wir uns in Luzern? Antwort: Ja.
Das heißt, das ist eine Tatsache. Ist 2 plus 2 gleich 4? Antwort: Ja. Das ist eine Tatsache. Wie steht es um die Vermögensungleichheit in der Schweiz?
Fragen Sie das IWP, dann lernen Sie Fakten kennen. Fakten gibt es nur dort, wo Sie eine sinnvolle Frage stellen. Wenn ich Sie frage, ob Cäsar ein rundes Quadrat ist, haben Sie darauf keine Antwort, weil Sie nicht wissen, was ich meine. Ist Cäsar ein rundes Quadrat? Sie können jetzt lange darüber sinnieren.
Und ein Großteil der heutigen öffentlichen Meinungen ist in einem logisch ausgesprochen schlechten Zustand. Das meiste, was wir in den Zeitungen lesen, ähnelt der Frage, ob Cäsar ein rundes Quadrat ist. Genau. Es sieht nur etwas besser aus. Ist Björn Höcke ein Rassist?
Ja, nein, keine Ahnung. Vielleicht. Das ist Rassismus. Ich will jetzt gar nicht sagen, das ist jetzt überhaupt kein Plädoyer für Björn Höcke, ganz im Gegenteil, der produziert ja auch Unsinn und Bullshit. Aber die Frage ist eben nicht, wenn Sie den politischen Diskurs heute zur Kenntnis nehmen, insbesondere in der medialen Berichterstattung, haben wir es allzu selten mit der Frage zu tun: Was sind die Tatsachen? Wie erklären Sie die Wahlen in den beiden Bundesländern in Deutschland vom letzten Sonntag? Interessant wäre es, wenn wir darauf Tatsachen erhielten.
Wie erklären wir das? Wir wollen das jetzt erst einmal nur erklären. Bevor wir eine Meinung haben, würden wir das gerne erklären. Stattdessen erhalten wir natürlich Meinungen. Also: Cäsar ist ein rundes Quadrat, Cäsar ist ein grünes rundes Quadrat, Andrea ist ein rotes Dreieck und so weiter. So klingt eigentlich das Meinen.
Es sieht nur besser aus. Was bedeutet das also? Hier hilft uns Immanuel Kant, der dies sehr schön diskutiert. Er definiert gegen Ende der Kritik der reinen Vernunft als, Zitat Kant, ein sowohl subjektiv als auch objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Wunderbar, ja, als ein subjektiv und objektiv unzureichendes Fürwahrhalten. Sie halten also irgendetwas für wahr, haben dafür aber weder subjektive Gründe, sie haben eigentlich gar keine Gründe, sie halten irgendetwas zufällig für wahr.
Heute dies, morgen das. Schwankendes Gemüt. Und objektiv unzureichendes, weil sie überhaupt keine Gründe haben, die in den Tatsachen verankert sind. Davon unterscheidet Kant das Glauben, das findet er schon besser. Und das Glauben ist ein subjektiv zureichendes, aber objektiv unzureichendes Glauben.
Sein Beispiel ist dafür der religiöse Glaube. Für den religiösen Glauben haben sie subjektiv zureichende Gründe. Und im Übrigen, das nur am Rande gesagt, würde Kant denken, dass die Wirtschaftswissenschaften immer auch auf einem Glauben basieren, weil wir unterstellen müssen, dass wir daran arbeiten, durch gelingende Arbeitsteilung Fortschritt zu erzielen. Das messen wir dann und dadurch erlangen wir Wissen. Aber der erste Akt ist ein Glaubenssatz.
Wir glauben an eine rational organisierte Gesellschaft. Das klingt am Rande gesagt nach Max Webers berühmter Definition der Moderne als Intellektualisierung, wie er sagt, oder auch Rationalisierung. Max Weber sagt, die Moderne besteht in einem Glauben daran, dass es vernünftig zugeht in der Welt. Einer Gesellschaft. Und dieser Glaube wird im Moment, gelinde gesagt, erschüttert. Aber der Glaube daran, dass es in einer Gesellschaft vernünftig zugeht, ist subjektiv zureichend, aber objektiv so lange unzureichend, ehe wir nicht Daten haben.
Das ist eine der Funktionen der Sozialwissenschaften, aus unserem Glauben an die Rationalität der Gesellschaft ein Wissen zu machen. Was ist also Wissen? Ein sowohl subjektiv als auch objektiv zureichendes Für-Wahr-Halten. Das ist Kants geniale Arbeitsteilung: Mein subjektiv unzureichend, glauben subjektiv zureichend, objektiv unzureichend, Wissen beides. Subjektiv zureichend und objektiv zureichend.
Hervorragend. Damit sie aber objektiv und subjektiv zureichendes für wahr halten können, brauchen sie eben Wahrheit. Ich habe ja eben gesagt, eine Tatsache ist eine wahre Antwort auf eine sinnvoll gestellte Frage. Sie brauchen also den Begriff der Wahrheit. Und Wahrheit ist das Bindemittel, das dasjenige ist, was den Menschen mit der Wirklichkeit verbindet.
Die Wahrheit ist der Ort, an dem sich die Verbindung von Mensch und Wirklichkeit zeigt. Das können Sie, der Gedanke ist so spektakulär, wie er einfach ist. Wenn Sie jemandem etwas mitteilen, was Sie wissen, dann teilen Sie nicht Ihre subjektiven Zustände mit. Wenn ich zum Beispiel frage, da vorne bei der Information, wann das nächste Schiff in Richtung Fitznau fährt, und man teilt es mir mit, um 17:55 Uhr, dann gehe ich davon aus, dass die Person, die mir das mitteilt, keinen Bericht über ihre Gefühle gibt.
Also, es kann ja sein, dass es ihm gefällt, dass das Schiff um 17:55 Uhr fährt, oder auch missfällt, furchtbar um 17:55 Uhr. Ich möchte aber lediglich wissen, wann das Schiff fährt. Das ist eine Tatsache. Ich möchte einen reinen Tatsachenbericht um 17:55 Uhr. Im Idealfall verhält es sich dann anders als mit deutschen Fahrplänen.
Das sind nur Richtlinien. Also, das deutsche Wort "um" bedeutet in unserer norddeutschen Sprache etwa "ungefähr". Das ist ja auch eine Bedeutung des deutschen Wortes. "Um, wann fährt der Zug?" "Naja, um elf herum." Also irgendwann.
Es ist so wie in Neu-Delhi, da gehen sie auch zum Zug. Sie müssen nur wissen, in welche Richtung sie fahren. Ich will in Richtung Mumbai. Und irgendein Zug kommt dann schon; in der Regel der 24 Stunden verspätete, kommt dann zufällig pünktlich, und das ist das Informationssystem. Aber diese Infrastrukturkrise hat eben damit etwas zu tun, dass wir ein Problem mit der Wahrheit haben. Unsere Infrastruktur und unsere Wahrheit hängen schon miteinander zusammen.
Und da ist es natürlich komfortabel zu sagen, es gibt ja gar keine Wahrheit. Dann ist es auch egal, wann der Zug fährt oder das Schiff nach Fitznau. Mir ist das aber noch nicht egal, und da bin ich eben ein klassischer Modernisierer. Gut, aber Sie sehen, so funktionieren diese Begriffe. Es ist gefährlich, denn in meinen geht es um mich. Meine Meinung ist meine.
Und wenn die Person bei der Information meint, dass das Schiff um 17:55 Uhr fährt, ist das irrelevant. Ich möchte das ja gar nicht wissen. Die Gemütszustände interessieren mich nicht, ebenso wenig die Psychologie dieser Person. Wir leben jedoch in einem Zeitalter, und da hatte Angela Merkel recht, als sie einmal gesagt hat, in einem postfaktischen Zeitalter.
Und damit meinte sie, dass es nur noch um Gefühle geht und nicht mehr um Tatsachen. Das ist eine gefährliche Situation, in der wir uns befinden. Jetzt sage ich noch kurz ein Wort, und dann gehen wir richtig zur Sache über Kritik. Das Zeitalter der Aufklärung, das Kant ausgerufen hat, in dem wir uns erfreulicherweise immer noch befinden, nannte er ein Zeitalter auch der Kritik. Kritik ist aber nicht das bloße Kritisieren von allen und jedem, um zu zeigen, dass es auch anders sein könnte.
Das heißt, Kritik heute meistens. Sie schauen sich Sir Simon Rattle's Malers sechste an und müssen sich eigentlich nur verbeugen. Sie können einfach nur sagen: Punktlandung. So macht man es. Er kann es.
Das ist alles, was man dazu sagen muss. Es gibt keinen weiteren Kommentar. Lesen Sie aber die Kritiken, verzweifeln Sie an Ihrem Verstand. Aber ich war doch da. Und so geht es eben oft. Die Funktion des Kritikers ist eben eine andere als die wahre Kritik.
Das Ziel der Kritik war ursprünglich das Unterscheiden. „Krinein“ im Griechischen heißt unterscheiden, das Unterscheiden des Wahren vom Falschen, mit dem Ziel, Wissen zu erlangen. Wann fährt das Schiff? Das war eigentlich die Idee der Kritik. Stattdessen leben wir jetzt in einer Gesellschaft des Kritisierens. Alle wollen alles kritisieren, weil man möchte, dass alles anders sein kann.
Das ist der Wohlstandsmaoismus, von dem ich gesprochen habe. Da ist die Idee, alles muss auch anders sein können. Das ist die Idee. Nichts darf einfach sein, alles muss anders sein können. Das heißt, sie sehen das Beste, zum Beispiel Simon Rattle, in dieser Konstellation, und es muss aber auch schlecht sein können.
Das heißt, es ist nicht mehr das Zeitalter der Verbesserung. Fortschritt zielt auf das Gute und das Beste, das Zeitalter der Verdunkelung. Wir wollen das Schlechte und das Schlechtere. Und Sie sehen, das ist natürlich nicht rational, weil es eigentlich nicht vernünftigerweise möglich ist, die Wahl zwischen dem Guten und einem Guten und einem Schlechteren zu haben. Es steht nicht gut um Ihre Vernunft, wenn Sie das Schlechtere wählen. Es ist schwer zu erklären, warum das eigentlich geschieht. Und deswegen bohren wir jetzt nach und versuchen, den Boden wieder zu festigen, auf dem wir gerade stehen.
Teil 1: Also gegen Relativismus und Verwaltungsnihilismus. Es ist sehr verbreitet, vor allem seit den 1960er Jahren in fortgeschrittenen Industrie- und Wohlstandsnationen, zu glauben, dass Tatsachen zur Disposition stehen, demokratisch. Es sieht ja so aus, in der Schweiz noch mehr als in Deutschland, als könne man im Wesentlichen über alles abstimmen. Und wie die Dinge in einer Gesellschaft sind, ist dann eben das Ergebnis einer Abstimmung. Und die nächste Abstimmung kann anders ausfallen. Das erleben wir seit den 1960er Jahren als Eindruck der Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit könnte immer anders sein. Es hängt davon ab, wer regiert. Es hängt davon ab, wohin die Meinungen gehen. Das heißt, sie müssen die Meinungen beforschen, um zu verstehen, wie sie am besten regieren. Es geht nicht darum, dass sie die Tatsachen erkennen und das Regierungsformat an den Tatsachen ausrichten, sondern es geht primär darum, zu sehen, wohin die Meinungen gehen.
Demoskopie als Demokratietheorie. Eine sehr weit verbreitete Auffassung. Und daraus könnte man jetzt sehr schnell ableiten, dass es vielleicht doch gar keine Tatsachen gibt. Oder, das ist Nihilismus, auf den komme ich gleich, oder harmloser, damit beginnen wir jetzt, Relativismus. Was die Tatsachen sind, liegt im Auge des Betrachters. Ob mir ein Werk gefällt, mal das Sechste, oder nicht, das liegt doch im Auge des Zuhörers. Ich drücke doch damit aus, meine Einstellung beim Hören von Malers Sechster. Und ihre Einstellung kann eine ganz andere sein.
Und es sind nicht alle Tatsachen so, könnte man meinen. Ist Luzern objektiv schöner als Genf? Ich behaupte ja, aber bitte berichten Sie das nicht in der Westschweiz als Stadt. Darüber kann man nicht diskutieren, man könnte jetzt aber der Meinung sein, nein, nein, das liegt doch alles im Auge des Betrachters. Ich finde Tiflis viel schöner.
Man könnte sagen, naja, Tieflis und so weiter. Aber ich würde sagen, es gibt schon eine objektive Ordnung auch der Schönheit. Darüber kann man noch mehr streiten, aber es gibt jedenfalls objektive Ordnungen. Wie viel Wasser gerade im Vierwaldstättersee ist, ist eine schwankende, aber weitgehend feststehende Größe. Das können Sie bestimmen, das ist übrigens sehr relevant für die Frage, wie Schifffahrt betrieben wird. Auch wenn Sie keine exakte Zahl angeben können, was das Wasservolumen des Sees betrifft, ist es eine höchst relevante Information.
Der Relativismus glaubt jetzt aber, dass alles im Auge des Betrachters liegt und Sache demokratischer Verhandlung ist. Der postmoderne Urphilosoph Richard Rorty hat das in einem schrecklichen Buch mal ausgedrückt. Das heißt: Ironie, Kontingenz und Solidarität. In diesem Buch argumentiert Rorty dafür, dass es eine Figur gibt, die er im generischen Femininum die Ironikerin nennt. Durch das Buch und die Ironikerin glaubt er, dass es keine Tatsachen gibt, sondern lediglich Verhandlungen mit dem Femininum, um gesellschaftliche Solidarität zu stützen.
Kommt uns bekannt vor. Diese Auffassung stammt von Richard Rorty. Es gibt keine Tatsachen in der Demokratie, es gibt auch gar keine Wahrheiten, sondern alles ist Sache der Verhandlung. Das mag ja stimmen für die Steuergesetze, aber zum Beispiel nicht für die Frage, ob Ihr Boot im Vierwaldstättersee untergeht. Das ist keine Frage demokratischer Verhandlungen.
Und die Postmoderne glaubte aber, das sei so. Die Tatsachen sind jetzt endlich vorbei. Wir sind frei, uns befreit von der Zwangsjacke der Tatsachen und können jetzt unsere Freiheit endlich ausleben. Befreit von allen Tatsachen. Das war der Geist, und wir stehen immer noch im langen Schatten dieser Zerstörungswut.
Faktisch war das Maoismus. Wenn Sie das historisch anschauen, koindidiert das nicht zufällig mit der maoistischen Beeinflussung der westlichen Öffentlichkeiten, theoretisch? Da gibt es hochinteressante Zusammenhänge, die dazu geführt haben, dass man zu dieser Auffassung gelangt ist, die dann eine Mischung eingegangen ist mit genuinem demokratischen Fortschritt. Also Relativismus ist grundsätzlich die Idee, es gibt keine Tatsachen, es gibt nur Meinungen über Tatsachen. Deswegen kann man dann am Ende dieser Geschichte etwa glauben, es gäbe auch alternative Tatsachen, alternative Fakten, wie Donald Trump zu sagen pflegte.
Das müssen wir uns bald ja vielleicht wieder anhören. Aber dann haben wir dieses Problem in der neuen Gestalt. Also die Idee alternativer Tatsachen. Ob Donald Trump immer noch Präsident der Vereinigten Staaten ist, bevor er wieder gewählt wird, ist eben eine Tatsache. Eine Tatsache, er ist es oder er ist es nicht.
Und da gibt es keine alternativen Tatsachen. Es ist zwar schwieriger festzustellen, und darauf komme ich jetzt sofort, was soziale Tatsachen sind, als andere Tatsachen. Es ist leichter zu zählen, wie viele Personen in diesem Raum sind, als das politische Meinungsbild der Personen in diesem Raum zu erheben. Sie werden es vielleicht gar nicht preisgeben wollen, wenn ich sie frage. Manche werden lügen und so weiter und so weiter. Es ist jedenfalls sehr viel schwieriger festzustellen, welche politische Gemeinschaft hier versammelt ist, als einfach die Anwesenden zu zählen.
Soziale Tatsachen, und darauf komme ich jetzt, sind einfach schwieriger zu messen als andere Tatsachen, was aber nicht bedeutet, dass es sie nicht gibt. Jetzt möchte ich mich gegen eine andere Idee wenden, die auch seit den 1960er Jahren immer weiter prominent verbreitet wurde, nämlich die Idee des sozialen Konstruktivismus. Konstruktivismus sieht harmloser aus; er sagt: Na ja, vielleicht ist Wasser nicht abhängig von menschlichen Meinungen oder die Höhe der Berge oder die Vermehrungsgeschwindigkeit eines Krebsgeschwürs. Das ist ja vielleicht alles nicht von unseren Meinungen abhängig, aber doch wohl bitte alles Soziale. Das heißt, alles, was mit menschlicher Gesellschaft zu tun hat, ist abhängig davon, wie wir uns dazu verhalten. Dass Sie bereit sind, zum Beispiel für ein bestimmtes Maß an Franken mir einen Apfel zu geben, liegt daran, dass Sie akzeptieren, dass es eine Währung gibt. Wenn wir alle aufhören zu akzeptieren, dass es den Schweizer Franken gibt, dann gibt es einfach den Schweizer Franken nicht mehr.
Es sieht also so aus, als hielten wir den Franken in der Existenz, indem wir an ihn glauben. Der Franken, der Schweizer Franken, wäre so wie der Weihnachtsmann. Es gibt den Weihnachtsmann nur in dem Maße, in dem jemand an ihn glaubt. Bitte meinen Kindern nicht zeigen, sie glauben daran; diesen Teil des Videos schneiden wir raus. Der Weihnachtsmann ist nicht von unseren Meinungen unabhängig.
Und nun glauben die Sozialkonstruktivisten, die heute noch verbreitet und einflussreich sind, vor allen Dingen in umstrittenen Theoriegebieten wie Geschlecht. Darauf möchte ich im Einzelnen gar nicht eingehen, aber jedenfalls würden Sozialkonstruktivisten sagen: Alles Soziale ist genauso wie der Weihnachtsmann. Wenn sie aufhören, daran zu glauben, ist er weg. Dann kommt er nicht den Schornstein herunter; der kam nie den Schornstein herunter. Sie dachten es, aber er war nicht da. Und so ist die Idee des Sozialkonstruktivismus bezüglich alles Sozialen. Das ist eine weit verbreitete Vorstellung.
Nun stimmt es natürlich, das ist die Wahrheit des Sozialkonstruktivismus: dass es das Soziale nur dadurch gibt, dass wir handeln. Das nenne ich soziale Produktion, um die Produktion von der Konstruktion zu unterscheiden. Die Idee der Konstruktion ist, dass das Soziale variiert, je nach Auffassung der Akteure. Es gibt dann keine Tatsachen, die unabhängig von unserer Verhandlung sind, sondern es gibt lediglich den Vorgang der Verhandlung über die sozialen Tatsachen. Es gibt ja, so sieht es aus, nicht etwa einen objektiv feststehenden Wert des Franken, sondern dieser fluktuiert. Die Fluktuation, die gesamte Wirtschaft, so könnte man meinen, jedenfalls Wirtschaft in dem Sinne, in dem wir sie messen – in dem sie nicht in bloßen Tauschoperationen von Äpfeln gegen Birnen besteht –, also Wirtschaft, wie wir sie kennen, könnte man meinen, fluktuiert genau deswegen, weil es eben mehr oder weniger um Meinungen, um Erwartungen, Fiktionen und so weiter geht. Wohin entwickelt sich die Börse?
Die Börse scheint ein Raum zu sein, der genau so aussieht. Das ist Sozialkonstruktivismus. Die neue Aufklärung setzt dagegen den Begriff der sozialen Produktion. Den möchte ich jetzt präzisieren, und dann wissen wir endlich, was Gesellschaft ist, und können weitergehen. Also, was ist Gesellschaft? Etwas gehört dann zur Gesellschaft, ist dann sozial, wenn es das Produkt der wechselseitigen Abstimmung mehrerer Akteure im Hinblick auf eine Perspektivenverschiedenheit ist.
Das ist die grundlegende Definition. Ich mache das ganz einfach. Sie sehen mich, ich sehe Sie. Wir haben verschiedene, buchstäblich verschiedene Perspektiven. Und wenn wir uns koordinieren, unsere Handlungen, gehen wir zum Beispiel die Treppen runter. Ich versuche, hier ganz unten hinzukommen, Sie suchen einen Platz in den Reihen, und auf dem Weg dahin werden wir uns koordinieren.
Durch Praktiken der Höflichkeit und Freundlichkeit, des Entgegenkommens und Zuvorkommens achten wir darauf, dass wir hier nicht alle die Treppe runterstürzen. Warum gelingt das? Wie sind wir bitte hier hingekommen? Nun, indem wir uns wechselseitig abstimmen. Ich antizipiere das, was Sie tun, Sie antizipieren das, was ich tue.
Und es gibt geteilte Regeln der sozialen Wirklichkeit, wie eine Abendveranstaltung ungefähr aussieht. Wenn ich um fünf über zehn Uhr etwas vorhabe, mal sehen, wie weit ich komme, aber wenn ich um fünf überziehe, breche ich eine Regel dieser Gesellschaft. Und um Regeln der Gesellschaft geht es noch gegen Ende. Ich hatte heute Mittag ein längeres Gespräch über Regeln in Japan, wo ich gerade herkomme, und war dann erfreut zu sehen, dass es einen Streit bei den Bullspielern vor dem Hotel National gab, und einer dann auch lauthals sagte: "Das verstößt gegen das Reglement." Das hat mich sehr gefreut, dass jemand noch darauf besteht, dass es vielleicht auch Regeln in diesem Spiel gibt.
Der andere spielte einfach irgendwie, und man merkte, nein, nein, der gehört nicht dazu. Dazugehören heißt eben, zu wissen, was die ungeschriebenen Regeln sind, wie man in diesen Saal kommt, und dass ich heute nicht fünf Stunden spreche, sind die ungeschriebenen Regeln dieses Vortrags abends. Mal sehen, wie viele ich davon noch brechen werde. Aber Gesellschaft besteht eben darin, dass wir unsere Handlungen miteinander koordinieren. Das wird am Ende meines Vortrags die Grundlage einer Theorie der Arbeitsteilung sein: Handlungskoordination. Und indem wir dies tun, produzieren wir neue Bereiche der Wirklichkeit.
Abendveranstaltungen, Restaurants, Tourismus und so weiter, Währungen, produzieren wir, indem wir wechselseitig unsere Perspektiven abgleichen. Das können wir dann messen, das tun die Sozialwissenschaften, die messen im Grunde genommen die Objektivität der existierenden Perspektivenstruktur eines sozialen Systems. Das lässt sich nämlich alles messen. Wie schnell sind wir in den Raum gekommen? Welche Strategien verfolgen wir?
Warum gibt es da oben zwei Türen? Das ist ja so ein quantenmechanisches Doppelspaltexperiment, das wir hier machen. Wie kommen wir da rein? Als Welle oder als Teilchen? Das ist alles, der gesamte soziale Raum ist so angeordnet und in diesem Sinne sozial produziert.
Wenn ich von sozialer Produktion spreche, meine ich damit, dass wir Tatsachen zur Wirklichkeit hinzufügen, die sozialer Natur sind. Das ist ganz anders als die Idee der sozialen Konstruktion. Die Idee der sozialen Konstruktion besagt, dass durch unsere Performanzen, durch Sprechakte und so weiter, die Theorie, die dahinter steht, so funktioniert: indem wir auf eine bestimmte Weise reden, meinen und glauben, sieht es so aus, als wäre da Gesellschaft, aber eigentlich ist da keine Gesellschaft. Gesellschaft existiert nur in unserem Kopf oder in unserer Sprache, sagen diese Theoretiker. Daher erfolgt die Überbetonung der Sprache in gegenwärtigen politischen Debatten. Vieles wird in die Sprache verlegt, weil man glaubt, die Sprache sei der eigentliche Ort der gesellschaftlichen Realität des Menschen.
Das stimmt aber nicht, weil das meiste von dem, was Menschen tun, nicht von der Art der Sprache ist. Es gibt sehr viel nicht-sprachliche menschliche Interaktion, und die lässt sich sozialwissenschaftlich erforschen. Sprache ist nicht das grundlegende Merkmal der menschlichen Gesellschaft. Das muss man erstmal festhalten. Die Idee der sozialen Konstruktion überbetont eben die Sprache, und zwar zu Ungunsten der Realität.
Deswegen wird dauernd darauf geachtet, wie jemand spricht. Ganz genau. Was sagt er jetzt? Und dann gibt es diesen unsinnigen, heute aus meiner Sicht völlig unsinnigen Diskurs, der logisch im schlechtesten Zustand ist, darüber, was jemand vielleicht andeutet, indem man etwas sagt. Wohin gehört jemand in die rechten und linken Ecken?
Es gibt diese Vorstellung, dass man entweder irgendwo sehr weit links steht, was auch immer das bedeutet, oder sehr weit rechts steht, was auch immer das bedeutet. Und es geht jetzt darum, möglichst schnell festzustellen, wo jemand steht, indem man sich nicht fragt, was die Person behauptet und was die Tatsachen sind, sondern was vielleicht mitklingt in der Sprache. Wie oft verwende ich zum Beispiel das anonyme Wort „man“ statt das Wort „wir“? Wenn ich jetzt sehr oft „man“ sage mit m-a-n, bin ich vielleicht kein Feminist? Natürlich Unsinn, aber es gibt solche Debatten.
Gewöhnen Sie sich lieber daran, zu sagen „wir“ statt „man“, weil Sie dann nicht so klingen, als hätten Sie „man“ gesagt. Ich habe solche Debatten erlebt. Und das ist natürlich eine gelinde gesagt Überbetonung der Sprache. Nichts von dem, was ich gesagt habe, ist offensichtlich in irgendeinem Sinne ein Einwand gegen den Feminismus, weil ich es für eine moralische Tatsache halte, den Feminismus begünstigen zu müssen. Deswegen steht das gar nicht zur Debatte in dem, was ich sage.
Sie könnten aber meinen, wenn Sie meinen wollen, dass ich jetzt vielleicht irgendetwas gesagt habe, das möglicherweise meine feministische Gesinnung in Frage stellt. Die Wahrheit ist, ich versichere Ihnen, aber darüber spreche ich heute Abend gar nicht. Sie könnten aber meinen, dass ich jetzt darüber gesprochen habe, habe ich aber nicht. So, komme ich jetzt noch aus der Falle raus? Bin ich schon in der Falle?
Sie sehen, das ist das heutige Meinungsbild. Ich schwitze schon, nur weil ich Feminismus gesehen habe. Und jetzt könnten Sie wieder denken: „Oh nein, ist das ironisch?“ Nein, überhaupt gar nicht. Ich bin sogar Feminist.
Und innen und alles das bin ich. Aber wie sage ich es bloß? Sie sehen, das ist soziale Konstruktion, soziale Produktion ist, wie stellen wir Bedingungen der Gleichheit zwischen allen Bürgern her. Das ist soziale Produktion. Wir akzeptieren, wenn wir ein Problem haben, moralischer Natur zum Beispiel, und die Frage ist dann, wie lösen wir das etwa mit wirtschaftlichen Mitteln.
Ich glaube, dass wir wirtschaftliche Mittel einsetzen können, um uns moralisch zu verbessern. Das wäre das Ziel der Wirtschaft, in der eben auch ein "Wir" steckt. Und das ist ein ganz anderer Geist, der weht, wenn ich so rede, als der Geist der sozialen Konstruktion, weil wir produktiv sein wollen. Ich schätze die Produktivität einer Gesellschaft und ich glaube, es gibt ein moralisches Maß der Produktivität einer Gesellschaft. Ob wir es mögen oder nicht, Wirtschaftswachstum und Wohlstand korrelieren mit der Möglichkeit, das moralisch Richtige zu tun. Nicht, weil gilt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, sondern am besten haben wir beides.
Gutes Essen, kein Fressen und Moral. Das ist doch der Idealzustand. Und um den zu produzieren, brauchen wir eine Auffassung der Gesellschaft, die uns erlaubt, Gesellschaft realistisch zu beschreiben, als etwas, was es wirklich gibt, nicht nur im Auge des Betrachters, nicht nur in der Sprache. Sie verändern eine Gesellschaft nicht, wenn sie den Mitgliedern sagen, wie sie sprechen sollen. Punkt. Das ist mein letztes Wort zu diesem Unsinn.
Damit kommen wir weiter zur neuen Aufklärung, dass wir in Wirklichkeit… Zunächst möchte ich noch einmal ein Wort über Wahrheit sagen. Ich vertrete in der Philosophie – ich skizziere das jetzt ganz kurz – eine Deszentrierungstheorie der Wahrheit. Damit meine ich, dass Wahrheit nur dadurch in Erscheinung tritt, dass wir unterschiedliche Perspektiven auf sie haben. Wir finden heraus, wie eine Stadt funktioniert, zum Beispiel, weil wir unsere Handlungen aus verschiedenen Perspektiven koordinieren.
Ich möchte zum Beispiel Schokolade kaufen und ziehe durch die Luzerner Straßen. Ich sehe das erwünschte Lederach-Schild. Darf ich Werbung für Lederach hier machen? Aber gut, es ist die beste Schokolade. Es führt kein Weg daran vorbei. Genau, ich sehe das erwünschte Lederach-Schild und kann dort hineingehen und mir Schokolade kaufen.
Warum? Es gibt jemanden, der die Schokolade herstellt, es gibt jemanden, der sie dort liefert, es gibt jemanden, der Kakaobohnen und so weiter und so weiter, und es gibt eben mich, der diese Schokolade haben möchte. Wir haben alle eine völlig verschiedene Perspektive auf dieses gesellschaftliche Geschehen. Mein Erleben, mein Wünschen, mein Tun, mein Grund, in Luzern zu sein, ist völlig anders als der Grund, in Luzern zu sein, der anderen Personen, die bei Lederach sind. Außer wir wollen alle nur zu Lederach. Aber so gut sind sie dann doch nicht, dass alle nach Luzern nur kommen, um zu Lederach zu gehen. Das wäre auch eine merkwürdige Stadt, in der man nur das täte.
Das heißt, Sie sehen, wir haben eine multiperspektivische Struktur. Und die ist derart komplex, dass es völlig unmöglich ist, mit feinkörniger Auflösung zu beschreiben, was dort geschieht. Sie können kein Modell, ein sozialwissenschaftliches Modell, erstellen, in dem Sie vollständig darstellen, was die einzelnen Personen in ihrem Handeln antreibt. Dennoch können Sie sozialwissenschaftliche Modelle auf einem gewissen Abstand erstellen. Denn die Menschen hinterlassen durch ihr Handeln Spuren, und deswegen wird auf diese Weise Gesellschaft objektiv.
Die Dissenztheorie der Wahrheit sagt jetzt, dass das Ziel von Wahrheitsansprüchen, also wenn ich etwas behaupte, wenn ich glaube, etwas zu wissen und ich behaupte das, dann ist mein Ziel, von all denjenigen korrigiert zu werden, die es zu Recht anders sehen. Wenn es niemand so recht anders sieht, dann weiß ich einfach, wie es ist. Also ich behaupte, e hoch i pi plus 1 ist gleich 0. Das stimmt übrigens. Nur so am Rande, genau.
Ich wollte etwas nehmen, das ein bisschen schwieriger als 2 plus 2 gleich 4 ist. Also ich behaupte, dass e hoch i pi plus 1 gleich 0 ist. Die Eulersche Formel. Und jetzt können Sie sagen, völlig naiv, der ist etwas falsch vorgegangen. Und Sie erklären mir jetzt, warum ich mich täusche. Außerdem hätte ich mich vielleicht versprochen und gesagt, e zur Macht minus 1 gleich 0, und dann hätten Sie mich korrigiert.
Oder wie war es nochmal? Sie sehen, wie war das jetzt nochmal genau mit der eulerschen Formel? So, dann nehme ich lieber etwas Einfacheres. Sie können mich korrigieren. Wenn es unmöglich ist, mich zu korrigieren, dann weiß ich einfach, wie es ist.
Und daran ist nichts falsch. Es ist möglich, etwas zu wissen. Aber einen Wissensanspruch zu erheben, ist eine Einladung, mich zu korrigieren. Und zwar nicht, indem Sie anderes meinen; das ist mir völlig egal. Wenn Sie andere Meinungen über Wahrheit haben als ich, ist das völlig unerheblich.
Das interessiert mich gar nicht. Sie interessieren sich auch nicht für meine Meinungen über Wahrheit im Übrigen. Es wäre schlimm, wenn ich auf Einladung einer seriösen Universität und Forschungseinheit käme und ihnen meine Meinungen mitteilen würde. Dann sollten sie mich sofort verbannen und Regressanforderungen stellen und meine Reisekosten muss ich sofort erstatten und so weiter, weil ich mein Amt missbraucht hätte. Ich sage ihnen meine Meinungen nicht. Das wäre eine Unverschämtheit.
Und deswegen interessieren mich auch ihre Meinungen nicht. Was mich aber interessiert, sind ihre Gründe dafür, etwas anders zu sehen als ich. Das interessiert mich. Denn das ist das Band der Gesellschaft. Was uns miteinander verbindet, ist, dass wir unterschiedliche Gründe haben, etwas zu tun oder zu glauben und auf eine bestimmte Weise zu leben und zu handeln. Und das Ziel ist, diese Gründe auszutauschen, um uns wechselseitig zu verbessern.
Das ist der moralische Fortschritt der Menschheit. Der besteht darin, dass wir uns gegenseitig verbessern in dem, was wir tun. Und vor diesem Hintergrund ist es ganz wichtig zu betonen, dass die Tatsachen bestimmen, wie wir sind. Also die Tatsachen richten darüber, ob unsere Gesellschaft gelingt. Wenn wir die Tatsachen nicht erfahren und fassen, bricht nämlich unsere Gesellschaft zusammen.
Wenn Sie die ökonomischen und natürlichen Bedingungen einer Gesellschaft nicht angemessen erfassen, dann wird Ihre Gesellschaft zusammenbrechen. Das ist der Preis. Also ich sage nochmal, Deutsche Bahn: Der Preis, den Deutschland gerade bezahlt, die zerstörte Infrastruktur, ist ein Mangel an Anerkennung der Tatsachen. Sehr interessant, ich war gerade in Japan und da gab es einen Taifun. Und Züge, was ich auch nicht wusste, in Japan halten an, wenn ein Taifun droht.
Warum? Weil sie den Zug, auch den besten Shinkansen, zerstören unter Umständen, wenn sie ihn in einen Taifun schicken. Das weiß man. Das heißt, hier sind die Fakten: Fahre in einem Taifun nicht mit dem Shinkansen zwischen Kyoto und Tokio. Das zerstört die Infrastruktur, die Oberleitung und den Zug.
Wasser und Elektrizität mit dem Fön, wir erinnern uns. Das weiß man also in Japan. Jüngst stand ich in Deutschland vor Hamburg in einem Taifun-Äquivalent, fünf Stunden im Zug, der dann evakuiert werden musste. Und von den fünf Stunden bestand ungefähr eine Stunde in einer Debatte zwischen den Passagieren und der Zugleitung, ob wir die Türen öffnen dürfen. Es gab auch keine Klimaanlage, alles war ausgefallen. Irgendwann stinken die Toiletten, es gab kein Essen, denn das Bordrestaurant war wie immer ausgefallen und so weiter und so weiter.
Fünf Stunden, bis dann die Evakuation einen traf und man sagte: „Ja, jetzt dürfen wir gehen.“ Geleitet. Ja, man sah den nächsten Bahnhof, aber wir durften da natürlich nicht hingehen, zu gefährlich. Jetzt werden wir also geleitet zum nächsten Bahnhof. So wurde uns das geschildert. Und dann kam der Zugführer auf die geniale Idee, zu versuchen, was passiert, wenn man den Zug startet.
Dann kam eine Durchsage: "Ich probiere noch einmal ganz kurz, den Zug zu starten." Er startet den Zug, und wir fahren gemütlich zum Bahnhof zurück. Und da sehen Sie, die Tatsachen wären doch von Bedeutung gewesen in dieser Situation. Man hätte viel Schaden vermeiden können. So, damit möchte ich jetzt nicht…
Das Beispiel ist: In Japan weiß man, wenn ein Unwetter kommt, darf man die Züge nicht fahren lassen. In Deutschland lässt man einfach die Züge fahren, egal wie das Unwetter ist, deklariert aber gleichzeitig, dass alles darauf ankommt, das Klima zu schützen. Ja, der Klimawandel ist sehr schlimm. Ja, der Klimawandel ist sehr schlimm, einverstanden. Dazu gehört aber dann anzuerkennen, dass es den Klimawandel gibt. Ich würde sagen, dass die Ironie sozusagen gelebte Klimawandelleugnung ist, was ein schwerwiegender Vorwurf in Deutschland ist.
Das Schlimmste, was wir über irgendetwas sagen können, ist, dass es Klimawandelleugnung ist. Und ich möchte die wilde These aufstellen, dass die Deutsche Bahn gelebte Klimawandelleugnung ist. Denn wenn das Ziel wäre, dass alle Züge fahren und nicht mehr Autos, dann wird dieses Ziel, würde ich mal behaupten, verfehlt. Also sehen wir schon das erste Problem. Und zweitens hätte man wissen können, dass man bei Unwettern mit den Zügen nicht in Starkregen hineinfährt.
Das weiß man in Japan, wie ich jetzt gelernt habe. Habe um dann festzustellen, aha, es geht ja besser. So, das am Rande. Da sehen Sie, die Tatsachen bestimmen die Gesellschaft und nicht bestimmt die Gesellschaft die Tatsachen. Gesellschaften müssen sich anpassen an die Wirklichkeit und können sie nicht dadurch verändern, dass wir gemeinsam glauben, sie sei ganz anders. Alles ist ganz anders.
Nein, ist es nicht. Es ist genau so und so und so und so. Und das Wunschdenken verändert die Wirklichkeit nicht, außer dass es uns zu Irrenden macht oder manchmal auch zu Irrenden. Und das, was ich gerade skizziert habe, und damit komme ich zum dritten Teil, ist ein grundlegendes Argument für den liberalen demokratischen Rechtsstaat. Und ich möchte hier auch "liberal" betonen. Der liberale demokratische Rechtsstaat ist liberal, weil er darauf setzt, dass wir gemeinsam nach der Wahrheit streben und uns dabei täuschen können.
Das war der Ursinn von liberal, wie ihn zum Beispiel Karl Popper mehrfach artikuliert hat. Es geht dabei nicht darum, dass alle alles tun dürfen. Freiheit heißt nicht, dass jeder tun kann, wie es ihm gefällt, sondern Freiheit bedeutet, dass das Ziel einer Gesellschaft darin besteht, dass wir durch wechselseitige Korrekturmechanismen der Teile der Gesellschaft uns, wie ich das eben genannt habe, emporrüsten. Schritt für Schritt werden wir immer besser, ohne dass wir ein Endziel definieren können, weil wir ein Endziel nicht im Blick haben können in einem liberalen demokratischen Rechtsstaat. Ein liberaler demokratischer Rechtsstaat strebt deswegen immer die Verbesserung an, kennt aber kein Endziel der Geschichte. Das war der Widerspruch in dem berühmten Buch von Francis Fukuyama, „Das Ende der Geschichte“, weil er dachte, der liberale demokratische Rechtsstaat sei sozusagen ein Zielzustand allen menschlichen Handelns. Die Pointe des Liberalismus ist jedoch, dass es keinen solchen Zielzustand gibt.
Deswegen war das Buch von Francis Fukuyama ein zutiefst illiberales Buch und gar kein liberales Buch, weil die liberalen Positionen sagen, wir können uns verbessern. Es gibt aber keinen Zielzustand, es gibt nicht die beste Gesellschaft, auch wenn die Schweiz nah dran ist. Es ist trotzdem nicht die beste Gesellschaft im ultimativen Sinn, sondern es ist nur eine, die der Verbesserung fähig ist, die imstande ist, zu ihrer Selbstverbesserung durch gewisse liberale Mechanismen. Das ist die Stärke. Damit komme ich zum abschließenden Teil 3: Arbeitsteilung, das vergessene Erbe der Aufklärung. Schon gesagt, neben dem berühmten Text von Immanuel Kant „Beantwortung der Frage: Was heißt Aufklärung?“, gibt es einen Text, der kurz vorher in der Berliner Monatszeitschrift erschienen war, von Moses Mendelssohn, der heißt „Über die Frage: Was heißt aufklären?“ von 1784.
Kant bezieht sich in einer Fußnote zu seinem berühmten Text „Was ist Aufklärung?“ auf diesen Text von Mendelssohn und sagt, er habe ihn noch nicht gelesen; sonst hätte er diesen Text gar nicht veröffentlicht. Das schreibt er ausdrücklich, was sehr interessant ist. Das heißt, Kant sagt: Lest mal lieber Mendelssohn, ich habe ihn auch noch nicht gelesen. Habe ich dann getan, auf Kants Empfehlung, und festgestellt, dass es sich um einen ausgesprochen bemerkenswerten Text handelt, der nämlich weitergeht als der von Kant. Und zwar sagt Mendelssohn, dass wir einen grundlegenden Begriff haben, um festzustellen, in welchem Sinne eine Gesellschaft gelingt. Und diesen Begriff nennt er Bildung.
Bildung hat zwei Seiten: Aufklärung und Kultur. Also haben wir den übergeordneten Begriff, so beginnt der Text über Bildung. Die Bildung einer Gesellschaft hat zwei Dimensionen: Aufklärung und Kultur. Unter Aufklärung versteht man die Theorie der Gesellschaft, sozusagen den Zustand der Wissenschaften in einer Gesellschaft. Das ist die theoretische Seite, das nennt man Aufklärung. Unter Kultur versteht man die Praxis einer Gesellschaft, das heißt, das sind die arbeitsteiligen Handlungen.
Und auch Kant sagt in seinem berühmten Text "Was ist Aufklärung", dass nicht die Philosophen die Gesellschaft aufklären, sondern die Praktiker; das heißt diejenigen, die arbeitsteilig wissen, wie eine soziale Formation funktioniert, wie eine Bank, ein Schifffahrtsunternehmen und so weiter. Kant führt solche Beispiele an, wie ein Finanzamt, das weiß, wie etwas funktioniert. Deren Funktion in der Gesellschaft besteht darin, dem Publikum mitzuteilen, was in ihrer Institution nicht funktioniert. Das nennt er den öffentlichen Gebrauch der Vernunft. Der öffentliche Gebrauch der Vernunft besteht also darin, dass diejenigen, die ihr Teilsystem der Gesellschaft kennen, dem Publikum mitteilen, wie es verbessert werden könnte.
Und das Publikum richtet dann darüber und sagt: Naja, wenn die das sagen, verbessert es dann dieses Teilsystem der Gesellschaft mit allen politisch zur Verfügung stehenden Mitteln. Das ist das Modell der Aufklärung. Und Mendelssohn fügt jetzt diese Dimension der Kultur hinzu und versteht darunter die Anpassung einer Gesellschaft an ihre Natur. Denn Kultur heißt eigentlich die Bearbeitung von Natur, das ist der ursprüngliche Sinn von Kultur. Das heißt, die Landschaften der Schweiz sind Kulturlandschaften in diesem Sinne von Kultur.
Und das Maß der Bildung einer Gesellschaft ist das Verhältnis zwischen Aufklärung und Kultur. Daran, sagt Mendelssohn, kann man die Qualität einer Gesellschaft messen: Wie bringt eine Gesellschaft diese beiden Dimensionen in ein Verhältnis? Und das Bemerkenswerte ist, und damit komme ich eben in Richtung schon des Endes meines Beispiels Japan und Schweiz, dass wir, wenn wir solche Fälle nehmen, der echten kulturellen Differenz, uns jetzt fragen können, wie lösen zwei Gesellschaften, die gegenwärtige Schweiz und das gegenwärtige Japan, das Verhältnisproblem von Aufklärung und Kultur? Und da werden wir völlig verschiedene Lösungsräume finden, weil wir es zu tun haben mit in diesem Fall liberalen Demokratien, sehr weit fortgeschrittenen liberalen Demokratien, bei denen der Liberalismus noch weniger auf dem Spiel steht und weniger kritisiert wird als an anderen Stellen. Liberalismus funktioniert erheblich besser noch in der Schweiz als zum Beispiel in Deutschland, wo sie sich rechtfertigen müssen, wenn sie sagen, liberaler demokratischer Rechtsstaat, obwohl jahrzehntelang die Spielregel galt: Wenn sie das sagen, ist alles in Ordnung.
Habermas hat diese Formel immer verwendet. Eigentlich dachte man, man steht immer auf der richtigen Seite, wenn man sagt: liberaler demokratischer Rechtsstaat. Aber in deutschen Debatten wirft man ihnen sofort vor, dass sie die Umwelt zerstören wollen, wenn sie "liberal" sagen. Was merkwürdig ist. Es gibt da nicht, dass es eben, wie gesagt, das meinen, dass der Liberalismus doch eine sehr gefährliche Angelegenheit sei. Aber ich habe dafür argumentiert, dass der Liberalismus, wenn überhaupt, ganz und gar keine gefährliche Angelegenheit ist, sondern die Grundlage dafür, dass wir fortschreitende Gesellschaften haben.
Gesellschaften, die sich am Modell des Fortschritts orientieren und nicht am Modell des Stillstands oder sogar des Rückschritts. Das ist das. Und Fortschritt möchte ich kurz sagen, was das eigentlich ist: eine Verbesserung unserer Problemlösungskompetenzen. Das ist Fortschritt. Sie haben ein Problem.
Wie komme ich auf die andere Seite des Vierwaldstättersees? Sie können schwimmen, das ist schwer, oder Sie nehmen ein Boot. Und die Boote, die Sie jetzt nehmen können, sind eben Fortschritt. Die Schweizer Schifffahrt ist ein wunderbares Beispiel für Fortschritt. Ich bewundere das immer.
Ich stehe sehr gerne an Schweizer Seen und schaue mir einfach an, was da verkehrt. Das ist Fortschritt. Sie haben ein Problem gelöst. Und je besser sie die Probleme einer Gesellschaft lösen, desto fortgeschrittener ist die Gesellschaft. Das ist das relevante Maß. Und nun ist es so, dass das natürlich nur dadurch gelingt, dass wir in den unzähligen Praktiken der Gesellschaft uns gegenseitig verbessern, in unserem Vermögen, die gegebenen Probleme zu lösen.
Jede Person hat ein anderes Vermögen. Es gibt eine objektiv existierende Vermögensungleichheit der Menschen. Das ist einfach so. Und weil es eine objektiv existierende Vermögensungleichheit der Menschen gibt, gibt es den Auftrag des Menschen, die Talente wechselseitig zu fördern, um daraus Problemlösungskompetenz zu gewinnen. Das macht eine fortgeschrittene Gesellschaft aus.
Eine fortgeschrittene Gesellschaft akzeptiert als gegeben die Existenz verschiedener Talente. Das ist ein Fakt. Das bedeutet nicht, dass sie selbstverständlich an irgendeinem äußeren Merkmal erkennen können, dass jemand Talent hat. Fortgeschrittene Gesellschaften wissen, dass die Verteilung von Talenten nicht leicht messbar ist und sich nicht anhand dummer rassistischer Stereotype bestimmen lässt. Das ist selbstverständlich; das wissen wir ja.
Das gehört zu unserer Aufklärung. Die Frage ist, ob es auch zu unserer Kultur gehört. Sind wir eigentlich noch imstande, die Grundlage der modernen Arbeitsteilung zu akzeptieren, nämlich dass es objektiv existierende Vermögensungleichheiten gibt? Und zwar im Sinne von Vermögen, das Menschen haben. Damit möchte ich jetzt zu meiner Schlussüberlegung kommen und sagen, der Gegenstand gelingenden Wirtschaftens ist immer auch die soziale Produktion eines Wirs. Und die soziale Produktion eines Wirs als gelingender, als guter Gesellschaft, besteht darin, dass wir Wege finden, wie wir Kapital aus der Vermögensumfassung machen können.
Ungleichheit der Menschen. Nicht mit dem Ziel, eine ökonomische Ungleichheit einzuführen. Selbstverständlich. Jetzt habe ich wieder so geredet, dass man einen Verdacht haben könnte. Jetzt wird es also ganz schlimm.
Jetzt wird die Vermögensungleichheit gerechtfertigt. So weit ist es am IWP gekommen. Nein. Mein Argument ist, die objektiv existierende Unterschiedlichkeit der Menschen, die echte Diversität, nicht die aus dem Feuilleton. Die echte Diversität der Menschen ist die Grundlage dafür, warum es arbeitsteilige, erfolgreiche Gesellschaften geben kann. Das heißt, wir müssen Arbeitsteilung fördern.
Das gelingt aber nur, wenn wir ein Prinzip, das Urprinzip jedes politischen Liberalismus, uns in Erinnerung rufen. Und ich möchte mit einer kurzen Meditation über dieses Motiv heute enden. Das Differenzprinzip von John Rawls lässt sich aktualisieren; das mache ich jetzt mal. Aber hier ist erst einmal das Prinzip. John Rawls war ein berühmter politischer Philosoph in Harvard, der ein einflussreiches Buch geschrieben hat mit dem Titel „Theorie der Gerechtigkeit“. Dort gibt er das folgende Prinzip an als Prinzip der Gerechtigkeit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft.
Und zwar sagt er, soziale und ökonomische Ungleichheit muss so organisiert sein, dass diejenigen, die sich am untersten Ende der Kette befinden, am meisten davon profitieren. Also ich zitiere nochmal: Soziale und ökonomische Ungleichheit muss so organisiert sein, dass diejenigen, die sich am untersten Ende der Kette dieser Organisation befinden, am meisten von der Organisation profitieren. Das ist keine Umverteilungsstruktur, sondern John Rawls sagt nur, am unteren ökonomischen Ende ist es so, dass kleine Differenzen einen großen Unterschied machen. Wenn man ein niedriges Einkommen hat, ist ein Sprung von 500 Franken gigantisch. Bei höchst erfolgreichen Unternehmern ist ein Sprung von 500 Franken völlig unerheblich.
Bedeuten etwas anderes, je nachdem, wo sie in der Ordnung stehen. Und Rawls' Idee war nun, dass am unteren Ende, in dem Sinne von unteren Ende der Gesellschaft, Profit dadurch entsteht, dass Ungleichheit existiert. Das können Sie durch Umverteilung tun, das ist eine politische Maßnahme. Das können Sie aber auch dadurch tun, dass Sie Arbeitsmärkte schaffen. Das heißt, Sie können jetzt eine im ökonomischen Sinne liberale Lösung anstreben, das heißt Flexibilisierung, Stärkung von Arbeitsmärkten, oder aber Sie setzen auf Umverteilung.
Das ist dann eine demokratisch zur Disposition stehende Debatte. Und damit möchte ich schließen mit Japan und der Schweiz. Mich interessiert im Moment das Verhältnis von Arbeitsmärkten und Verträgen sehr. Das halte ich für ein hochinteressantes Thema der Moderne, weil die Probleme des Kapitalismus dadurch aufgefangen wurden, des ursprünglichen Kapitalismus. Dass wir eben den Feudalismus gänzlich überwunden haben, indem wir die Vertragsfreiheit eingeführt haben. Also, weil sie ihre Arbeitskraft verkaufen können, da sehen Sie, wie wenig marxistisch ich bin. Ich finde es gut, dass sie ihre Arbeitskraft verkaufen können, und weil sie ihre Arbeitskraft verkaufen können, weil es eben einen Arbeitsmarkt gibt, wurde das Problem der ursprünglich einmal existierenden Ausbeutung aufgefangen.
Es gab natürlich reale Ausbeutung in der frühen industriellen Revolution. Die will niemand, und sowieso im Feudalismus. Wie haben wir das in den Gründen? Bekommen durch Arbeitsmärkte. Das heißt, Arbeitsmärkte und die legalen Rahmenbedingungen von Arbeitsmärkten gehören zum Fortschrittlichsten, also neben der Schweizer Schifffahrt ist das das Fortschrittlichste, was wir untersuchen können. Und dann habe ich vor einigen Jahren gelernt, wie gering die Vertragssicherheit für Arbeitskräfte in der Schweiz ist.
War ich dann entsetzt als Deutscher? Mein Gott, hier kann man jederzeit gekündigt werden. Die Tür ist auf, geh raus. Das geht hier also. Gut, war ich überrascht.
Das ist in Deutschland sehr anders, wie Sie vielleicht wissen, jemanden zu kündigen. Und dann war mein erster Instinkt, da kann doch etwas nicht stimmen. Bis ich natürlich verstanden habe, dass das einfach deswegen funktioniert, weil sie Arbeitsmärkte haben. Wenn sie da nicht mehr arbeiten, dann arbeiten sie eben woanders. Das heißt, durch einen starken Arbeitsmarkt gibt es überhaupt kein Problem, wenn sie einen niedrigen bis nicht existierenden Kündigungsschutz haben.
Im Gegenteil, das erhöht die Freiheit. Ein anderes Modell, ein Bedeutungsschutz, ja, alle Schweizer Lösungen, aber sie hängen natürlich von Produktivität und Arbeitsmärkten ab. Gelingt aber weiterhin sehr gut. Das andere Modell, das ich kennengelernt habe, ist das japanische Modell, in dem es im Grunde genommen nur Festanstellungen auf Lebenszeit gibt. Alle sind sozusagen Professor ihrer Firma, wie ich festgestellt habe.
Da funktioniert das aber, indem sie durch Arbeitsethik steuern. Das heißt, die japanische Gesellschaft löst das Arbeitsmarktproblem, also dass es auf eine bestimmte Weise keinen Arbeitsmarkt gibt, auf eine bestimmte Weise, wird dadurch gelöst, dass man das in die Innerlichkeit der Subjekte verlegt hat. Das heißt, das hohe Maß an Arbeitsethik, das historisch auch etwas mit dem Buddhismus zu tun hat, löst das Problem auf eine andere Weise. Und was ich jetzt abschließend sagen möchte, ist, dass das zwei Formen sind, in denen wir legitime, liberal und demokratisch organisierte Gesellschaften haben können. Daraus folgt eben nicht, dass die eine durch die andere ersetzt wird. Ja, also eine Schweizer Schocktherapie in Japan würde nicht funktionieren und schon gar nicht eine japanische Therapie, die sie auch gar nicht brauchen, für die Schweiz.
Ja, das würde nicht funktionieren. Daran sehen wir, dass kulturelle Differenzen existieren können. Es gibt also viele, es gibt eine Vielzahl gleichguter Problemlösungen. Ja, und das ist der Sinn, in dem der liberale demokratische Rechtsstaat ein demokratischer ist. Es gibt immer eine Vielzahl gleichguter Lösungen. Diese ist nicht unendlich groß.
Das deutsche Infrastrukturproblem ist keine demokratisch legitime Lösung eines Infrastrukturproblems, sondern ein Infrastrukturversagen. Da muss man also sofort agieren und die Infrastrukturfrage lösen. Das hätte man aber seit 20 Jahren wissen können. Das ist gerade unser Problem im Norden. Das gibt es hier so noch nicht.
Gut, ich schließe also, wie gesagt, mit dieser Idee. Und damit runden wir ab. Fakten, Fakten, Fakten. Dass es Tatsachen gibt, ist in keiner Weise repressiv. Tatsachen machen uns frei.
Ich darf jetzt sogar die Bibel zitieren, wenn Sie es mir nicht übel nehmen. Die Wahrheit wird euch frei machen. Tatsachen machen uns frei. Tatsachen beschränken uns nicht, sondern sind die Grundlage unserer Freiheit. Nun gibt es neben den von uns völlig unabhängigen Tatsachen auch sozial produzierte Tatsachen, die in keinem Sinne weniger real sind als die nicht sozial produzierten Tatsachen. Geld funktioniert anders als Wasser, beide sind aber real.
Geld ist in keinem interessanten Sinne weniger real als Wasser. Es ist nur anders. Wir können den Tatsachen also nicht entrinnen. Und das Gelingen einer Gesellschaft wird gemessen an der Frage, ob sie sich den Tatsachen anpassen kann oder nicht. Und zwar möglichst schnell.
Wenn die Tatsachen sich wandeln, müssen sich die Gesellschaften wandeln. Und zwar im Lichte der Tatsachen und nicht, weil sozialer Wandel so schön ist. Er ist nur dann schön, wenn er Fortschritt ist. Das heißt, wenn er die Problemlösungskompetenz einer Gesellschaft erhöht. Ansonsten ist sozialer Wandel schlecht, weil sozialer Wandel schließlich die Problemlösungskompetenz einer Gesellschaft reduziert. Und das nennen wir Rückschritt.
Das entwickelt sogar jüngst die marxistische Philosophin aus der Schweiz, stammend von Rahel Jägi, in ihrem Buch „Fortschritt und Regression“, wo sie auch sagt: „Fortschritt ist Problemlösungskompetenz, Verbesserung grob gesagt, und Regression das Gegenteil.“ Eine sehr interessante Theorie, die sie daraus formuliert hat, ein sehr lesenswertes Buch. Das liegt also ganz richtig, und das bedeutet nun aber nicht – und damit schließe ich jetzt wirklich –, dass wir das einzig Wahre und Gute anstreben müssen oder könnten, die perfekte Gesellschaft. Es gibt keine perfekte Gesellschaft. Der Vorzug des liberalen demokratischen Rechtsstaats, und das ist eine wichtige Tatsache über ihn, ist, dass er die beste Staatsform ist im Hinblick auf den Versuch, nicht die beste Staatsform zu entwickeln.
Wir sind am besten darin, nicht am besten zu sein. Und da möchte ich Ihnen in der Schweiz gratulieren. Sie sind darin besonders gut. Vielen Dank. Hallo liebe Zuschauer, mein Name ist Thomas Studer.
Applauspolitik an der Universität Luzern und ich bin dort unter anderem für diese Videos zuständig. Sie haben das ganze Video bis zum Schluss geschaut. Kompliment! Ich folgere scharf daraus, dass Sie sich für wirtschaftspolitische Themen interessieren. Klicken Sie sich doch durch unseren Kanal, dort finden Sie mehr davon.
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